Louisa Young: Eins wollt ich dir noch sagen
List 2011

Frankreich, Juli 1916
Major Locke sprach mit ihm.
„ ... denn sehen Sie“, sagte er, „in Verdun haben wir den Franzosen die Deutschen vom Hals gehalten, und das war, nun ja, wichtig, schließlich können wir die Franzosen ja nicht sich selbst überlassen ...“ Und Purefoy, der nur halb bei Bewusstsein war und dankbar für jedes Fitzelchen Logik oder Politik, erwog, die Franzosen zu hassen.
Als
er die Augen öffnete, sah er Kronleuchter und verspiegelte Wände,
glitzernde, funkelnde Pracht, verdoppelt und verdreifacht. Er schloss sie
wieder. Es roch nach Sumpf und Verwesung. Gasbrand. Er öffnete sie
wieder. Offenbar befand er sich in einem riesigen Nachtclub. Nicht, dass
er je in einem Nachtclub gewesen wäre. Als er das erste Mal aufgewacht
war, hatte er gedacht, er hätte Halluzinationen.
Eoin Colfer: Artemis Fowl - Der Atlantis-Komplex
List 2011
Der
Vatnajökull ist mit seinen über achttausend bläulich weißen
Quadratkilometern der größte Gletscher Europas. Außerdem
ist er größtenteils unbewohnt und verlassen. Aus diesem Grund
und wegen seiner besonderen Lage und Beschaffenheit hatte ihn Artemis Fowl
ausgesucht, um dem Erdvolk zu demonstrieren, auf welche Weise er die Erde
zu retten beabsichtigte − abgesehen davon hat ein bisschen dramatisches
Drumherum einer Präsentation noch nie geschadet.
Eines der wenigen Gebiete am Vatnajökull, in denen tatsächlich so etwas wie Betrieb herrscht, ist das Restaurant „Zur Raubmöwe“ am Ufer der Gletscherlagune, das von Mai bis August für Ausflügler und Touristen geöffnet ist. Mit dem Inhaber dieses Etablissements hatte Artemis ein Treffen vereinbart, und zwar am ersten Tag nach Saisonende, am Morgen des 1. September, genauer gesagt: an seinem fünfzehnten Geburtstag.
Blue Balliett: Der fünfte Spieler
Aufbau 2011
Ich
habe schon immer in Three Oaks, Michigan gelebt. Oder fast immer. Ich war
gerade ein paar Tage alt, als ich eines Morgens im Frühling auf der
Hintertreppe vom Haus meiner Großeltern auftauchte. In ein altes Sweatshirt
gewickelt, die Ärmel vorne zusammengebunden, damit ich es warm hatte,
lag ich in einem Transportkorb für Katzen. Die Gittertür war geschlossen.
Meine Grandma Al sagt, das sei geschickt gewesen.
Ein Zettel mit einer unbekannten Handschrift darauf klebte oben auf dem Korb. Meine Grandma hat ihn immer noch. Ein Wort ist falsch geschrieben, aber abgesehen davon hatte sich jemand Mühe gegeben, die Nachricht so ordentlich wie ein Einmachetikett aussehen zu lassen:
Buckeye Chamberlain ist mein Vater
Ich heise Zoomy
Bitte behaltet mich
Ingrid Betancourt: Kein Schweigen, das nicht endet
Droemer 2010
Nach
einem besonders heißen Tag kam gegen Abend Wind auf. Für eine
kleine Weile verstummte der Urwald. Kein Vogelschrei, kein Flügelschlag
war zu hören. Wir alle hielten unser Gesicht in den Wind, atmeten tief
ein: Das Gewitter zog rasch auf.
Im Lager brach hektische Aktivität aus. Alle setzten sich in Bewegung: Einige überprüften die Spannseile an den Zelten, andere rannten los, um die Wäsche einzusammeln, die zum Trocknen aufgehängt war, wieder andere liefen in weiser Voraussicht zu den chontos, für den Fall, dass das Gewitter länger dauerte, als sie einhalten konnten. Während ich das Hin und Her verfolgte, krampfte sich mir vor Nervosität der Magen zusammen, und ich betete zu Gott, dass er mir die Kraft gab, meinen Plan umzusetzen.
Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue
See
Mare 2010
Das
mit dem Feuer war so: Wir bauten Mist, und wir wurden erwischt.
An dem Abend,
als die ganze Sache anfing, hatten Dad und Carlie mal wieder ihren üblichen
Streit, wie in letzter Zeit öfter. Während
ich in meinem Zimmer auf Dottie, Glen und Bud wartete, verfolgte ich das
Hin und Her. Unser Haus war klein, sodass ich von meinem Zimmer aus fast
alles hören konnte, was im Elternschlafzimmer gesprochen wurde. Das
Problem war, dass Daddy, der ruhende Anker der Familie, es hasste, irgendwohin
zu fahren, während Carlie, die Rastlose, das Reisen liebte. Sie und
Patty fuhren einmal im Jahr ein Stück die Küste hinauf, aber sie
wollte, dass Daddy mit uns als Familie verreiste.
Daddy sagte: „Warum versuchst du immer wieder, mich zu ändern?“
„Weil wir jeden verdammten Tag dasselbe tun. Aufstehen,
essen, arbeiten, essen, schlafen und wieder aufstehen. Lass uns doch mal
was tun, was wir noch nie getan haben. Irgendwohin fahren, wo wir noch nie
gewesen sind.“
„Ich tue gar nicht jeden Tag dasselbe“, wandte
Daddy ein.
„Stimmt. Dienstags und donnerstags trägst du ein anderes Hemd. Hör mal, Schatz, es muss ja nichts Teures sein, und ich habe ein bisschen Trinkgeld gespart.“
Colin Beavan: Barfuß in Manhattan
Kiepenheuer 2010
Womit
putzt man sich die Nase?
Das war die große Frage am ersten Tag. Denn trotz all meiner großartigen Ideen, wie man die Welt retten, ein glücklicheres Leben führen und die Einstellung der Menschen ändern kann, stellte ich fest, dass die Verwandlung in den No Impact Man nicht darin bestand, in eine Telefonzelle zu springen und als Ökoheld im eng anliegenden Ganzkörpertrikot wieder herauszukommen. Im Gegenteil, es fühlte sich kein bisschen heldenhaft an.
Denn um sechs Uhr morgens aufzuwachen und zu wissen, dass man vermutlich kein Auge mehr zumachen wird, weil jeden Moment der anderthalbjährige Nachwuchs aufwacht und einem auf dem Kopf herumhüpft, war bereits ein Martyrium, wenn auch eins von der trivialeren Sorte. Aber obendrein stand ich am Tag Eins in Unterhosen im Badezimmer, blinzelte in die rötliche Morgendämmerung und griff nach dem Klopapier (das ich immer lieber genommen habe als die dünnen Kleenex), weil ich mir dringend die Nase putzen musste, und dann ging mir plötzlich auf, dass ich das Klopapier nicht mehr benutzen durfte.
Clare Langley-Hawthorne: Die Schlange und der
Skorpion
Weltbild 2010
Der Blériot-Eindecker
kreiste über dem kargen, ausgedörrten Tal. Im Osten erhoben sich
die gewundenen Hügel Judäas in den tiefblauen Himmel wie ein goldener
Pelzmantel, der achtlos in der Sonne liegen gelassen worden war.
Der Pilot rief etwas und deutete hinunter. Die Frau auf dem hinteren Sitz antwortete, doch der Wind trug ihre Worte davon. Das Flugzeug beschrieb eine scharfe Kurve, sie begannen den steilen Landeanflug, und schließlich holperten sie über die Piste aus Sand und Steinen, bis sie neben einem kleinen hölzernen Wachturm zum Stehen kamen. Der Pilot kletterte aus seinem Sitz und fixierte die Räder mit zwei Keilen. Sobald das Knattern der Propeller erstarb, herrschte Stille. Der Pilot half seiner Passagierin hinunter, dann nahm er die Schutzbrille ab und strich sein blondes Haar zurück. Ihr Gesicht blieb unter der Haube ihres Umhangs verborgen, die sie trotz der mittäglichen Hitze fest um sich gezogen hielt.
Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber
Kiepenheuer 2009
Phnom
Penh. Das gemächliche Strömen des Verkehrs. Rikschas, gezogen
von mageren, barfüßigen Männern, entweder laufend oder mit
dem Fahrrad, Motorräder mit vierrädrigen Anhängern, weiße
UN-Transporter, Lastwagen vom Roten Kreuz, Militärjeeps und Busse,
ein mit Holz beladener Elefant. Die Straßen, die sich gitterförmig
vom Wasser hochziehen; Straße 51 endet an Straße 392 und kreuzt
Straße 254; alles ist ohne jede Logik zusammengesetzt, wie die Liebe
in einer Familie. Und überall Schilder, die mit den verschiedensten
Arten von Englisch werben: Alltagsenglisch, Büroenglisch, Geschäftsenglisch,
Minimalenglisch. Studenten in weißen Hemden gehen in kleinen Gruppen
umher, und ganze Familien fahren abends gemeinsam auf einem Motorrad nach
Hause, der Mann vorn am Steuer, dahinter die Frau mit einem Säugling
auf dem Arm und die Großmutter mit einem Kleinkind. Ab und zu sieht
man eine Frau, die zusammengeschlagen oder mit Säure übergossen
nackt und schreiend auf die Straße läuft.
Reggie Nadelson: Kalter Verrat
Piper 2009
Das
gleichmäßige Brummen des Motors über mir veränderte
sich plötzlich. Ich setzte mich auf und blinzelte in die Sonne. Die
kleine Sightseeing-Maschine, die ziemlich tief über Coney Island hinwegflog,
begann zu stottern, und ich hielt in böser Vorahnung den Atem an. Neben
mir lag mein Neffe Billy im Sand ausgestreckt, in der einen Hand ein Radio,
in dem das Spiel der Yankees übertragen wurde, die Riesenfüße
in den schwarzen Turnschuhen, natürlich mit offenen Schnürsenkeln,
auf den leeren Pizzakarton von Totonno’s gestützt.
Die Maschine verschwand aus meinem Blickfeld, wahrscheinlich versuchte sie, den kleinen Flugplatz in der Nähe zu erreichen, von dem die Rundflüge für Touristen starteten.
Chiew-Siah Tei: Der Pavillon der springenden Fische
Droemer 2009
Der
Morgen in der Stadt Pindong bietet ein buntes Bild geschäftigen Treibens,
ein lärmendes Durcheinander aus Wagen, Kühen, Eseln und Pferden,
Fußgängern und Straßenhändlern, die ihre Waren feilschenden
Käufern feilbieten.
Singsangmädchen stehen unter den roten Laternen in den Eingängen der Bordelle und versuchen, Kunden anzulocken.
In den Teehäusern hängen Käfige mit Elstern, die die prahlerischen, spuckenden Gäste als Glücksbringer erworben haben. Ihr Krächzen erfüllt den klaren, blauen Himmel.
Laut rufende, gongschlagende Straßenkünstler ziehen durch die Straßen: Puppenspieler, Feuerschlucker, Schwertschlucker, Goldfischschlucker, Seiltänzer. Nackte, schweißüberströmte Oberkörper, deren gebräunte Haut in der prachtvollen Frühlingssonne glänzt.
Mingzhi tritt ins Bild, gefolgt von Kleine Maus, seinem jungen Diener.
Ding! Ding!
John Connolly: Das Buch der verlorenen Dinge
List 2008
Während
sie gingen, erfuhr David ein wenig mehr über die Zwerge, obwohl er
nicht alles verstand, was sie ihm erzählten. Es war viel von „Produktionsmitteln“ die
Rede, und dass sie „im Besitz der Arbeiter“ sein sollten, und
dann ging es um „die Tagesordnungspunkte der Zweiten Zusammenkunft
des Drittens Ausschusses“, aber nicht um die der Dritten Zusammenkunft
des Zweiten Ausschusses, denn die hatte offenbar mit einem Streit darüber
geendet, wer hinterher den ganzen Abwasch machen sollte.
David hatte eine gewisse Ahnung, wer „sie“ sein könnte, aber es erschien ihm höflicher, vorher zu fragen.
„Ihr wohnt mit einer Dame zusammen?“, fragte er Bruder Nummer Eins.
Sofort verstummte das Geplauder der anderen Zwerge.
„Ja, leider“, sagte Bruder Nummer Eins.
„Alle sieben?“, hakte David nach. Er wusste selbst nicht so recht warum, aber irgendwie erschien es ihm seltsam, dass eine Frau mit sieben kleinen Männern zusammenlebte.
Ewan Morrison: Swinger
C. Bertelsmann 2008
„Hier
ist die Küche.“
Bizarre Situation. Er kam sich vor wie der Makler in der Nachbarwohnung. Führte Shona und Steve herum, als wären sie Kaufinteressenten. Wer weiß, vielleicht mussten sie das in einem Monat oder so tatsächlich tun. Verkaufen, ausziehen.
„Das Schlafzimmer. Pseudoviktorianisch, ist leider nicht echt. Auch das mit dem West End ist etwas geschönt.“
Er fürchtete, dass er zu bürgerlich klang. Die Karikatur eines gepflegten Hyndland-Ehemanns. Versnobt. Diese armen Prolos mit ihrem piefigen Hochzeitsfoto im Netz. Irgendwie hatte er das Gefühl, Shona war ganz aufgeregt, bloß weil sie hier sein durfte. In einer echten, geräumigen West-End-Wohnung. Alice machte sich in der Küche zu schaffen. Vor dem weißen Zimmer blieb er stehen, ließ die Tür aber wohlweislich zu.
„Genauso groß wie das Schlafzimmer, aber im Moment voller Krempel. Wir sind gerade erst eingezogen und wissen noch nicht so recht, was wir daraus machen sollen.“
