Colin Beavan: Barfuß in Manhattan
Womit putzt man sich die Nase?
Das war die große Frage am ersten Tag. Denn trotz all meiner großartigen Ideen, wie man die Welt retten, ein glücklicheres Leben führen und die Einstellung der Menschen ändern kann, stellte ich fest, dass die Verwandlung in den No Impact Man nicht darin bestand, in eine Telefonzelle zu springen und als Ökoheld im eng anliegenden Ganzkörpertrikot wieder herauszukommen. Im Gegenteil, es fühlte sich kein bisschen heldenhaft an.
Denn um sechs Uhr morgens aufzuwachen und zu wissen, dass man vermutlich kein Auge mehr zumachen wird, weil jeden Moment der anderthalbjährige Nachwuchs aufwacht und einem auf dem Kopf herumhüpft, war bereits ein Martyrium, wenn auch eins von der trivialeren Sorte. Aber obendrein stand ich am Tag Eins in Unterhosen im Badezimmer, blinzelte in die rötliche Morgendämmerung und griff nach dem Klopapier (das ich immer lieber genommen habe als die dünnen Kleenex), weil ich mir dringend die Nase putzen musste, und dann ging mir plötzlich auf, dass ich das Klopapier nicht mehr benutzen durfte.
Denn heute war der erste Tag meines Selbstversuchs
in Sachen umweltverträglicher
Lebensstil. Der Tag, der mir das Gefühl geben sollte, nicht mehr zur
Zerstörung unseres Planeten beizutragen. Der Tag, an dem ich mit der
vermeintlich leichten Aufgabe beginnen sollte, keinen Müll zu produzieren.
Und somit auch kein Klopapier verwenden durfte, um mir die Nase zu putzen.
Aber was sollte ich jetzt tun, wo ich einen Decknamen angenommen hatte,
der aus mir eine Art ökologischen Superheld machte? Wo ich − aus
freien Stücken − in einem von allen Seiten einsehbaren Versuchslabor
lebte, in dem mich für die nächsten verdammten 364 Tage, 23 Stunden
und 50 Minuten jeder beobachten und beurteilen konnte, wie gewissenhaft
ich meiner öffentlichen Erklärung nachkam, der Umwelt keinen Schaden
zuzufügen?
Was hätte jeder andere in dieser Situation getan?
Ich griff nach der Klopapierrolle, riss ein Stück ab, putzte mir die Nase, erkannte, in was für einen Schlamassel ich mich mit diesem Projekt gebracht hatte, fühlte mich deprimiert, bevor ich überhaupt richtig wach war, machte kehrt und schlurfte zurück ins Schlafzimmer. Isabella stand bereits in ihrem Bettchen, griff mit den Händen in die Luft und sagte: „Arm, Daddy, Arm!“
Und sofort fingen die Selbstvorwürfe an: Ich bin selbstsüchtig. Ich habe mir mit einem toten Baum die Nase geputzt. Und Gott hat mich bestraft, indem er dafür gesorgt hat, dass Isabella von meinem Trompeten aufwacht und jetzt auf meinem Kopf herumhüpfen wird.
Bereits zehn Minuten nach Beginn des Projekts wurde mir klar, dass es einen guten Grund dafür gab, weshalb ich mein Leben nie dahingehend verändert hatte, dass es meinen Prinzipien entsprach.
Es würde hart werden. Und ich würde gelegentlich scheitern. Es ist wesentlich leichter zu sagen, dass man keine Wegwerfprodukte aus Papier benutzen soll, als es tatsächlich nicht zu tun. Und dasselbe gilt auch auf einer höheren Ebene. Es ist sehr viel einfacher zu sagen, dass unsere Kultur mehr auf Nachhaltigkeit bedacht sein sollte, als dafür zu sorgen, dass sie es tatsächlich ist. Es wäre vielleicht auch einfacher zu verstehen, welche Herausforderungen es für unsere Kultur bedeutet, unsere wachsenden ökologischen Probleme zu lösen, wenn ich diese Kultur nicht ablehnen würde. Doch es sollte noch eine ganze Weile dauern, bis diese Erkenntisse einsickerten.
Aber ich greife voraus. An jenem ersten Tag war ich noch davon überzeugt, dass ich den größten Teil des nun folgenden Jahres damit zubringen würde, gegen meine Bedürfnisse anzukämpfen und herauszufinden, wie ich sie unterdrücken konnte, um moralisch unanfechtbar zu sein.
Ich hob Isabella hoch, trug sie zu unserem Bett und legte mich hin, in der Hoffnung, sie würde dasselbe tun. Irrtum. Wie befürchtet, setzte sich Isabella mit ihrem bewindelten Hintern auf mein Gesicht und begann jauchzend auf und ab zu wippen wie ein Presslufthammer.
[...]
An jenem Tag, als ich mir wider alle guten Vorsätze mit Klopapier die Nase geputzt und dadurch mein Töchterchen geweckt hatte, fand ich heraus, dass es zwei Vorteile hat, wenn besagtes Töchterchen einem auf dem Kopf herumhüpft: Erstens merkt man sehr schnell, dass sie eine frische Windel braucht, und zweitens reduziert die Tatsache, dass man die durchgeweichte Windel ins Gesicht bekommt, die Neigung, es vor sich herzuschieben. Ich sprang also noch einmal aus dem Bett und ging ins Bad, und prompt erlitt ich innerhalb von nur zehn Minuten meine zweite Umweltkrise.
Wiederum stand ich in einer moralischen Zwickmühle vor dem Badezimmerschrank. Dabei befand ich mich noch gar nicht in einer der Phasen, die ich als wirklich schwierig eingestuft hatte, wie zum Beispiel ohne Aufzug, Strom oder heißes Wasser auszukommen. Nein, meine Herausforderungen waren ein nasser Babypopo und eine Packung Wegwerfwindeln. Laut der Real Diaper Association machen Windeln vier Prozent unseres gesamten Mülls aus.
Keinen Müll produzieren. Das war die erste Stufe des Experiments und vermeintlich die einfachste. Ich hatte gedacht, ich würde mich und meine Familie ganz sachte in das Ganze hineinführen. Doch ich war schon am Klopapier gescheitert. Und in diesem Moment hatte ich keine umweltschonendere Methode zur Hand, um zu verhindern, dass sich Isabellas Ausscheidungen über die gesamte Wohnung verteilten. Also griff ich nach der Wegwerfwindel.
Es würde sich verdammt viel ändern müssen. Kurz dachte ich an die wesentlich größeren Veränderungen, die mir bevorstanden. Dann erkannte ich, dass das noch der leichtere Teil war. Mein Blick wanderte zu der zusammengerollten Gestalt auf der anderen Seite des Bettes: Michelle. Wie um alles in der Welt würde sie mit alldem klarkommen?
Uns standen harte Zeiten bevor.
Colin
Beavan: Barfuß in Manhattan.
Kiepenheuer 2010
ISBN 978-3-378-01107-6, € 22,95
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