Ingrid Betancourt: Kein Schweigen, das nicht endet
Nach einem besonders heißen Tag kam gegen Abend Wind auf. Für eine kleine Weile verstummte der Urwald. Kein Vogelschrei, kein Flügelschlag war zu hören. Wir alle hielten unser Gesicht in den Wind, atmeten tief ein: Das Gewitter zog rasch auf.
Im Lager brach hektische Aktivität aus. Alle setzten sich in Bewegung: Einige überprüften die Spannseile an den Zelten, andere rannten los, um die Wäsche einzusammeln, die zum Trocknen aufgehängt war, wieder andere liefen in weiser Voraussicht zu den chontos, für den Fall, dass das Gewitter länger dauerte, als sie einhalten konnten. Während ich das Hin und Her verfolgte, krampfte sich mir vor Nervosität der Magen zusammen, und ich betete zu Gott, dass er mir die Kraft gab, meinen Plan umzusetzen. Heute Abend werde ich frei sein, sagte ich mir im Geist immer wieder, um die Angst zurückzudrängen, die meine Muskeln lähmte und mir das Blut in den Adern stocken ließ, während ich zitternd die Handgriffe erledigte, die ich mir in meinen schlaflosen Nächten tausendmal zurechtgelegt hatte: Ich baute meine Schlafattrappe, faltete die große schwarze Plastikplane zusammen und schob sie in meinen Stiefel, steckte die graue Plastiktüte ein, die ich mir als Regenschutz überziehen konnte, und vergewisserte mich, dass meine Mitgefangene bereit war. Dann wartete ich auf den Ausbruch des Gewitters.
Von meinen früheren Versuchen wusste ich, dass der beste Moment für die Flucht die Dämmerung war. Hier im Urwald bedeutete das genau um achtzehn Uhr fünfzehn. Während der wenigen Minuten, in denen die Augen mit dem schwindenden Licht rangen und bevor es vollkommen dunkel wurde, waren wir alle blind.
Ich betete darum, dass das Gewitter genau zu der Zeit losbrach. Wenn es uns gelang, aus dem Lager zu fliehen, bevor sich die Nacht über den Urwald senkte, würden die Wächter bei ihrem Wechsel nichts bemerken, und der Alarm würde erst am nächsten Morgen ausgelöst. Das gäbe uns genug Zeit, Abstand zu gewinnen und uns den Tag über zu verstecken. Die Suchteams, die sie losschickten, würden wesentlich schneller laufen als wir, weil sie viel kräftiger waren und das Tageslicht nutzen konnten. Aber wenn wir es schafften zu fliehen, ohne Spuren zu hinterlassen, würde ihr Suchbereich umso größer werden, je weiter wir kamen. Und dann würden sie mehr Männer brauchen, als sie im Lager hatten. Ich setzte darauf, dass wir nachts weitergehen konnten, denn in der Dunkelheit konnten sie uns nicht suchen, ohne sich durch den Schein ihrer Taschenlampen zu verraten. So könnten wir uns rechtzeitig verstecken. Wenn wir drei Nächte durchgingen, so hatte ich mir ausgerechnet, wären wir etwa zwanzig Kilometer vom Lager entfernt, und dann konnten sie uns nicht mehr finden. Von da an würden wir tagsüber weitergehen können, am Fluss entlang − aber nicht zu nah am Ufer, denn dorthin würden sie sicher ihre Suchtrupps schicken −, bis wir einen Ort erreichten, wo wir um Hilfe bitten konnten. Ja, es war machbar, und ich glaubte daran, dass wir es schaffen konnten. Aber wir mussten uns bald auf den Weg machen, um in der ersten Nacht so weit wie nur möglich vom Lager wegzukommen.
[...]
Kalte Feuchtigkeit, die zwischen den Brettern hindurchdrang, weckte mich auf und verursachte mir eine Gänsehaut. Dann riss mich der Klang der ersten Regentropfen, die auf das Blechdach fielen, aus meiner Benommenheit. Ich berührte Clara am Arm; es war Zeit zu gehen. Mit jeder Sekunde wurden die Tropfen schwerer, dichter, zahlreicher. Doch es war nicht dunkel genug. Der Mond hatte sich gegen uns gestellt. Ich spähte zwischen den Brettern hindurch; draußen war es beinahe taghell.
Sobald wir aus dem Käfig heraus waren, würden wir losrennen und uns so schnell wie möglich im etwa zehn Meter entfernten Unterholz verstecken müssen, das Ganze in der Hoffnung, dass niemand aus den umliegenden Zelten auf die Idee kam, just in dem Moment zu unserem Gefängnis hinüberzusehen. Ich versuchte abzuschalten. Doch woher sollte ich wissen, wann es so weit war, ich hatte keine Uhr. Ich musste mich auf Claras Uhr verlassen. Doch sie reagierte in letzter Zeit zunehmend genervt, wenn ich nachfragte. Jetzt musste es sein. „Es ist neun“, antwortete sie auf meine zögerliche Frage. Auch sie schien sich der Tatsache bewusst zu sein, dass wir uns in diesem Moment keine unnötige Diskussion leisten konnten. Im Lager schliefen offenbar bereits alle, und das war gut so, aber die Nacht wurde für uns immer kürzer.
Die Wache war damit beschäftigt, sich so gut es ging vor dem sintflutartigen Regen zu schützen, und das ohrenbetäubende Prasseln der Tropfen auf dem Blechdach übertönte das Geräusch meiner Tritte gegen die maroden Bretter. Beim dritten Versuch brach ein weiteres Stück heraus. Doch die Öffnung, die entstand, war nicht so breit, wie ich gehofft hatte.
Ich schob meinen Rucksack hindurch. Als ich meine Hände zurückzog, waren sie klatschnass.
[...]
Ich betrachtete noch eine Weile die Regenwand, die uns jenseits der schmalen Öffnung
erwartete. Clara kauerte neben mir. Ich sah zum Eingang des Käfigs.
Der Wachposten war im Gewitter verschwunden. Nichts rührte sich, außer
dem Regen, der erbarmungslos niederprasselte. Meine Gefährtin drehte
sich zu mir. Unsere Blicke trafen sich. Wir nahmen uns an den Händen
und drückten
sie so fest, dass es weh tat.
Wir mussten los.
Ich löste mich von Clara, strich meine Kleidung glatt und legte mich neben der Öffnung auf den Boden. Ich schob den Kopf hindurch, was überraschend leicht ging, dann die Schultern. Ich wand mich hin und her, um den Rest meines Körpers hindurchzuzwängen, blieb stecken und versuchte nervös, einen Arm freizukriegen. Nachdem mir das gelungen war, grub ich die Finger in die Erde und zog, so fest ich konnte. Mühsam zerrte ich mich vorwärts. Endlich, mein Oberkörper war frei. Ich verdrehte die Hüften schmerzhaft, um den Rest meines Körpers seitwärts durch die Öffnung zu bekommen. Ich zappelte mit den Beinen, und einen Moment lang fürchtete ich, es nicht zu schaffen, doch dann war ich draußen. Ich sprang auf und trat ein Stück zur Seite, damit meine Mitgefangene leichter herauskommen konnte.
Doch an der Öffnung rührte sich nichts. Worauf wartete Clara? Warum war sie nicht draußen? Ich kniete mich hin und spähte durch die Öffnung. Doch ich sah nichts außer der abstoßenden, höhlenartigen Finsternis im Innern des Käfigs. Kein Geräusch, keine Bewegung. Vorsichtig flüsterte ich ihren Namen. Keine Antwort. Ich schob eine Hand hinein und tastete umher. Nichts. Übelkeit schnürte mir die Kehle zusammen. Ich blieb neben der Öffnung hocken und musterte aufmerksam jeden Millimeter meines Gesichtsfelds, überzeugt, dass sich die Wächter jeden Moment auf mich stürzen würden wie wilde Tiere. Ich versuchte zu schätzen, wie viel Zeit vergangen war, seit ich es nach draußen geschafft hatte. Fünf Minuten? Zehn? Ich wusste es nicht. Hektisch überlegte ich, was ich tun sollte, während ich auf jedes noch so winzige Geräusch lauschte, nach jedem noch so schwachen Lichtschein Ausschau hielt. Verzweifelt beugte ich mich erneut zu der Öffnung und rief noch einmal Claras Namen, so laut, dass sie ihn auch in der hintersten Ecke des Käfigs hören musste, doch instinktiv wusste ich bereits, dass ich keine Antwort bekommen würde.
Ich stand auf. Vor mir lagen das Dickicht des Urwalds und der sintflutartige Regen, um den ich in den vergangenen Tagen so inständig gebetet hatte. Ich war draußen, und es gab kein Zurück. Ich musste mich beeilen. Ich tastete nach, ob das Gummiband, das mein Haar zusammenhielt, noch an seinem Platz war. Ich wollte nicht, dass die Rebellen auch nur die winzigste Spur von mir fanden. Ich zählte langsam bis drei, dann lief ich los, direkt hinein in den Urwald.
Ingrid
Betancourt: Kein Schweigen, das nicht endet.
Droemer 2010
ISBN 978-3-426-27548-1, € 22,99
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