Frances Greenslade: Der Duft des Regens
Jenny hat mich gebeten, das Ganze aufzuschreiben. Sie wollte, dass ich es für sie sortiere, auffädele, Perle um Perle, eine Geschichte daraus mache, wie einen Rosenkranz, den sie abzählen und immer wieder aufsagen kann. Aber ich habe es auch für sie geschrieben. Für Mom, oder Irene, wie die anderen sie nannten, denn den Teil von sich, der „Mom“ war, hatte sie schon vor langer Zeit hinter sich gelassen. Selbst jetzt steigen immer noch Schuldgefühle in uns auf, wenn wir an sie denken. Wir haben nicht versucht, unsere Mutter zu finden. Sie war fort, wie eine Katze, die eines Abends durch die Hintertür verschwindet und nicht mehr wiederkommt, und du weißt nicht, ob ein Kojote sie sich geschnappt hat oder ein Raubvogel, oder ob sie krank geworden ist und es nicht mehr nach Hause geschafft hat. Wir ließen die Zeit vergehen, wir warteten voll Vertrauen, denn sie war immer eine wunderbare Mutter gewesen. Sie ist die Mutter, sagten wir uns wieder und wieder, zumindest in der ersten Zeit. Ich weiß nicht mehr, wer damit angefangen hat.
Nein, das stimmt nicht. Ich war es. Jenny sagte: „Wir sollten sie suchen.“ Und ich sagte: „Sie ist die Mutter.“ Als ich das sagte, ahnte ich nicht, welche Macht diese paar Worte in unserem Leben bekommen würden. Sie hatten den bedeutungsvollen, unantastbaren Klang der Wahrheit, aber sie wurden zu einem Anker, der uns von unseren ureigensten Impulsen zurückzerrte.
Wir warteten darauf, dass sie kam und uns holte, aber sie tat es nicht.
Es gab keine Anzeichen dafür, dass dies passieren würde. Ich weiß, die Leute
suchen immer nach Anzeichen, weil sie dann sagen können, wir gehören nicht
zu den Leuten, denen so etwas passiert – als würden wir dazu gehören,
als hätten wir es wissen müssen. Aber es gab keine Anzeichen. Nichts außer
meiner ständigen Sorge, mit der ich wahrscheinlich schon auf die Welt
gekommen bin, falls man als Sorgenmacherin geboren werden kann. Jenny
glaubt, man kann.
Sorgen waren in jede Nische rund um mein Herz gestopft wie Zeitungspapier
in die Ritzen einer Hüttenwand, und sie erdrückten die Leichtigkeit, die
dort hätte sein sollen. Ich bin jetzt alt genug, um zu wissen, dass es Menschen
gibt, die sich nicht ständig vom Schatten der Katastrophe bedroht fühlen,
die überzeugt sind, dass ihr Leben immer eine wohlgeordnete, offene Ebene
sein wird, mit blauem Himmel und klar erkennbarem Weg. Meine Besorgnis führte
dazu, dass ich mich zurückzog. Ich konnte nicht wie Jenny sein, die so offen
war wie ein sonniger Tag, an dem es nichts anderes zu tun gab, als auf der
Wiese zu liegen, den warmen Boden und den leichten Wind zu spüren und dem
Summen der Insekten zu lauschen. Bald, demnächst, nie – diese Wörter existierten
für sie nicht. Jenny war immer und ja.
Wie ich schon sagte, es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass an den kleinen,
vertrauten Orten, aus denen unsere Welt bestand, irgendetwas schiefgehen
könnte. Das Zimmer, in dem Jenny und ich schliefen, war türkisblau gestrichen,
und wenn die Morgensonne hereinschien, kam man sich vor wie im Innern eines
Vogeleis. Ich sah zu, wie das Licht wanderte, und nach einer Weile bildeten
sich auf der gemaserten Oberfläche der Holzwand winzige Hügel und Täler.
Der Morgen in diesem Land kam langsam, durchzogen von dunstigem Licht, das
sich nur allmählich in den hellen Schein des Tages verwandelte.
Unser Haus in Duchess Creek hatte einen ganz eigenen Geruch, der mich schon
an der Haustür begrüßte, eine Mischung aus gekochten Rüben, Tomatensuppe
und gebratenem Hackfleisch, die in den Vorhängen hing, in den dünnen Wänden
und Decken oder im Zeitungspapier, das als Isolierung diente. Es war ein
warmes Haus, sagte Mom, aber von Leuten gebaut, die nicht vorhatten zu bleiben.
Die Küchenschränke hatten keine Türen, und das Bad war nur durch einen schweren,
geblümten Vorhang vom Hauptraum abgetrennt. Die Elektrizität hielt 1967
in Duchess Creek Einzug, in dem Jahr, als ich sieben wurde und Jenny acht.
Ein paar Monate später wurde ein schlaffes Kabel durch die Bäume auch zu
unserem Haus verlegt. Doch wir hatten nur ab und zu Strom, und nur für die
Lampen.
Wir hatten einen kleinen elektrischen Herd, den einer von Dads Freunden
auf einer Müllhalde in Williams Lake gefunden und uns mitgebracht hatte,
aber er wurde nie angeschlossen. Mom störte das nicht, obwohl ihre Freundin
Glenna sie alle paar Tage fragte, wann sie endlich den Herd in Betrieb nehmen
würde. Glenna sagte: „Bist du denn nicht froh, dass wir endlich im zwanzigsten
Jahrhundert angekommen sind?“ Darauf meinte Mom, wenn sie im zwanzigsten
Jahrhundert leben wollte, würde sie nach Vancouver ziehen. Glenna schüttelte
lachend den Kopf und sagte: „Tja, du bist anscheinend nicht die Einzige,
die so denkt. Es gibt Leute, die finden es toll, dass Williams Lake weit
und breit die größte Stadt ist.“
Im Chilcotin, wo wir lebten, gab es Indianer, die Chilcotin und die Carrier,
die schon lange vor den Weißen dort gewesen waren. Ihre Wege und Handelsrouten
zogen sich immer noch kreuz und quer durch das Land. Dann gab es die weißen
Siedler, deren Geschichte aus Erkunden und Niederlassen und Straßenbauen
bestand. Und dann gab es die Nachzügler wie unsere Familie, die Dillons.
Dad hatte 1949 Irland gegen Amerika getauscht, war in Oregon gelandet und dann weiter nach Norden gekommen. Andere kamen, um nicht an Kriegen teilnehmen zu müssen, an die sie nicht glaubten, oder einer Lebensweise zu entgehen, die ihnen widerstrebte. Manche kamen aus Städten, ihren gesamten Besitz im Auto, und suchten einen Ort in der Wildnis, der ihnen Zuflucht bieten würde. Sie waren eine neue Art von Pionieren, die ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten wollten. Dad hatte einen Freund namens Teepee Fred und einen anderen namens Panbread. Als ich ihn fragte, wie die beiden mit Nachnamen hießen, sagte er, er hätte sie nie danach gefragt.
Mom legte keinen großen Wert auf den Elektroherd, weil sie gelernt hatte,
auf dem Holzofen zu kochen. Sie kochte aus Notwendigkeit, nicht weil es
ihr Spaß machte, und hielt sich meist an Eintopfgerichte, bei denen sie
nichts backen oder braten musste. Wir hatten auch keinen elektrischen Kühlschrank,
sondern nur eine zerkratzte alte Eiskiste, in der eine einsame Milchflasche
und ein Pfund Butter residierten.
Hinter dem Haus war eine Pumpe, aus der wir unser Wasser holten. Einer unserer
Vorgänger hatte offenbar einmal vorgehabt, einen Wasseranschluss ins Haus
zu legen. Im Bad gab es eine Dusche und ein Waschbecken und ein mit Lumpen
zugestopftes Loch im Fußboden, wo man eine Toilette anschließen konnte,
aber nichts davon funktionierte. Wir pumpten unser Wasser in einen Zwanziglitereimer,
den wir auf die Arbeitsfläche in der Küche stellten. Wir hatten ein Plumpsklo,
aber nachts legten wir einen Klodeckel über einen Blecheimer, den Dad dann
morgens leerte.
Direkt am Waldrand hinter dem Haus hatte Dad extra für Mom eine schwere alte Badewanne mit Füßen aufgestellt. Darunter hatte er ein Loch ausgehoben, in dem er ein kleines Feuer machte. Dann füllte er die Wanne mit einem Schlauch, den er an die Pumpe anschloss. Wenn das Wasser schön warm war, setzte Mom sich hinein, und zwar auf einen Einsatz aus Zedernholz, den er gezimmert hatte, damit sie sich nicht verbrannte. An manchen Abenden hörten wir sie da draußen singen. Ihre Stimme schwebte durch die Dunkelheit, getragen vom Dampf, der hinter dem selbst gebastelten Sichtschutz aus Tannenzweigen aufstieg. Manchmal saß ich neben ihr auf einem Baumstumpf und ließ den Arm im warmen Wasser treiben. Fledermäuse schwirrten um uns herum, lautlose Schatten, nur eine Bewegung im Augenwinkel. Die Sterne wurden immer heller und so dicht wie eine Mückenwolke, während das Wasser abkühlte. Und ich dachte, falls sie einen Beweis brauchte, dass Dad sie liebte, dann war es die Badewanne.
Es muss eine Zeit gegeben haben, als ich singend aus dem Schlaf erwachte,
fröhlich vor mich hin trällerte, während ein Käfer über das Fliegengitter
am Fenster krabbelte und einen winzigen Schatten an die Wand warf. Aber
ich erinnere mich nicht daran. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in
der ich in die Welt hinausschaute, ohne dass eine ungute Vorahnung an den
Rändern dieser Aussicht knabberte. Um Mom habe ich mir allerdings nie Sorgen
gemacht. Ich schätzte mich glücklich, eine Mutter zu haben, die mit uns
zelten fuhr, keine Angst vor Bären hatte und es liebte, die Holzfällerstraßen
und die „Siedlerpfade“, wie sie sie nannte, entlangzufahren, die vom Highway
20 abgingen und in den Busch führten. Wir entdeckten Seen und halb verfallene
Holzhütten und verborgene kleine Täler, und es kam uns so vor, als wären
wir die ersten Menschen dort. Unser Maßstab für einen guten Lagerplatz bestand
darin, wie weit er von anderen Menschen entfernt war. „Meilenweit niemand
um uns herum“, sagte Mom dann zufrieden, wenn das Feuer brannte. Sie war
die Konstante in unserem Leben, die Gewissheit und der Trost. Wenn ich mir
Sorgen machte, dann um Dad.
Wenn man sich ihm näherte, musste man vorsichtig sein, wie bei einem verletzten
Vogel. Zu viel Aufmerksamkeit, und er flog davon. Wenn er im Haus war, wurde
er rastlos. Er reckte sich, schaute sich um, als wäre er ein Fremder, und
dann spürte ich jedes Mal den Stich der Enttäuschung, wenn er seine Jacke
vom Haken bei der Tür nahm.
Manchmal pfiff er dabei und tat ganz beiläufig, während er die Flanellärmel
überstreifte. Dann ging er nach draußen, hackte wie zur Buße ein paar Minuten
lang Holz und verschwand im Wald. Oft blieb er stundenlang weg. An schlimmeren
Tagen ging er ins Schlafzimmer und machte die Tür zu.
Ich drückte das Ohr an die Wand meines Zimmers und lauschte. Wenn ich lange
genug dort stehen blieb, hörte ich das Quietschen der Bettfedern, wenn er
sich umdrehte. Ich weiß nicht, was er da drinnen tat. Er hatte keine Bücher
und kein Radio. Ich glaube, er tat überhaupt nichts.
Wenn er nach der Arbeit aus dem Wald zurückkam, hielt er gerne ein Schläfchen
in seinem grünen Sessel neben dem Ölfass, der uns als Ofen diente. Ich wünschte
mir, er würde immer dort schlafen. Wenn er schlief, war er bei uns.
Aber manchmal zog er den Sessel zu nah an den Ofen. Eines Nachmittags versuchte
ich ihn dazu zu bringen, ein Stück wegzurücken. „Keine Sorge, Maggie“, sagte
er. „Ich schmelze schon nicht.“ Und dann schlief er mit offenem Mund ein.
Ab und zu holte er tief Luft, fing an zu husten und wachte kurz auf.
Ich hatte keine Angst, dass er schmelzen könnte. Ich hatte Angst, dass der
Sessel plötzlich in Flammen aufging, wie das Schuppendach der Lutzes, als
Helmer das Feuer in der Mülltonne zu kräftig gefüttert hatte.
Meine Mutter stand an der Arbeitsfläche und schnitt Hirschfleisch für den
Eintopf klein. Ich beobachtete Dad, wartete darauf, dass seine Lider schwer
wurden, zuckten und wieder zufielen. Mom schälte eine Zwiebel und fing an,
sie kleinzuhacken. Jenny und ich saßen auf dem sonnengelben Linoleum und
spielten mit unseren Barbies. Jennys Barbie wollte heiraten, und da wir
keinen Ken hatten, musste meine Barbie der Mann sein. Ich stopfte ihr blondes
Haar unter eine Bikinihose, die ich ihr über den Kopf zog. Mom drehte sich
zu uns um. Ihr liefen die Tränen nur so übers Gesicht. Aus irgendeinem Grund
fanden wir ihre Nummer mit den Zwiebeln und den Tränen sehr komisch. Wir
hielten uns den Mund zu, um Dad nicht durch unser Lachen zu wecken. Mom
weinte nie. Vielleicht fanden wir es deshalb so unglaublich, dass etwas
so Gewöhnliches wie eine Zwiebel solche Macht über sie hatte.
Sie trat an den Ofen. Der süße Duft von in Öl gebratenen Zwiebeln stieg
auf, dann gab Mom das klein geschnittene Hirschfleisch in den Topf, und
ein stechender, wilder Blutgeruch, den ich nicht mochte, erfüllte das Haus.
Aber es dauerte nur eine Minute, dann mischten sich das Fleisch und die
Zwiebeln zu einem üppigen, köstlichen Duft, und Mom streute Pfeffer darüber
und griff nach einem Glas Tomaten. Sie bekam den Deckel nicht auf und wandte
den Kopf, um zu sehen, ob Dad wach war. Doch sie weckte ihn nicht. Sie wollte
nicht den Zauber unseres Zusammenseins zerstören, indem sie ihn bat, ihr
mit dem Glas zu helfen. Stattdessen holte sie ein Schälmesser heraus, schob
die Klinge unter den Deckel und hebelte ihn auf.
Würzige, rauchige Herbstluft kam durch das Küchenfenster herein, das immer einen Spalt offen stand, wenn der Ofen an war. Das gelbe Linoleum wärmte mir den Bauch, als ich mich auf dem Boden ausstreckte, und Mom stand unerschütterlich an der Arbeitsfläche, das dunkelrote Haar wie ein glänzendes Fragezeichen auf dem Rücken ihres marineblauen Lieblingspullovers. Sie trug ihre karierte Caprihose, obwohl es dafür schon zu kalt war, und abgetragene Mokassins an den nackten Füßen. Ihre Waden waren muskulös und wohlgeformt. Irgendetwas an dem Messer und dem Glas ließ die Leichtigkeit, die mich erfüllte, plötzlich schwinden. Mom hatte unter der Spüle ein Stück Stoff mit einem Muster aus braunen Teekannen angebracht, um das Abflussrohr und den Mülleimer zu verbergen. Das Provisorische dieser Konstruktuon wurde Teil meiner Sorge. Vielleicht bedeutete es ja, dass wir auch nicht lange bleiben würden.
Frances
Greenslade: Der Duft des Regens.
Mare 2012
ISBN 987-3-86648-176-3, € 19,90
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