Louisa Young: Eins wollt ich dir noch sagen
Frankreich, Juli 1916
Major Locke sprach mit ihm.
„ ... denn sehen Sie“, sagte er, „in Verdun haben wir den Franzosen die Deutschen vom Hals gehalten, und das war, nun ja, wichtig, schließlich können wir die Franzosen ja nicht sich selbst überlassen ...“ Und Purefoy, der nur halb bei Bewusstsein war und dankbar für jedes Fitzelchen Logik oder Politik, erwog, die Franzosen zu hassen.
Als er die Augen öffnete, sah er Kronleuchter und verspiegelte Wände, glitzernde, funkelnde Pracht, verdoppelt und verdreifacht. Er schloss sie wieder. Es roch nach Sumpf und Verwesung. Gasbrand. Er öffnete sie wieder. Offenbar befand er sich in einem riesigen Nachtclub. Nicht, dass er je in einem Nachtclub gewesen wäre. Als er das erste Mal aufgewacht war, hatte er gedacht, er hätte Halluzinationen. Nun begriff er, dass er wohl in Le Touquet war – dort, wo in jenem Paralleluniversum des Vorher, als sich neue Orte noch nicht zwangsläufig als neue Kreise der Hölle entpuppten, das Casino gewesen sein musste.
„Sie sehen besser aus, Purefoy“, sagte Locke. „Wieder auf dem Damm?“
„Alles in Ordnung, Sir“, erwiderte er. Dann hielt er inne, um Bestandsaufnahme zu machen. Schmerzen in der Schulter und ein Gefühl des Verlusts im Kopf, eine Art taumelnde Leere, die offenbar an die Stelle seiner ... was auch immer getreten war.
„Und selbst?“
Locke hielt eine Krücke hoch und sagte: „Könnte schlimmer sein.“
„Heimatschuss, Sir?“, fragte Purefoy.
„Nein, leider weder für Sie noch für mich“, erwiderte Locke. „Sie hätten mich länger da draußen lassen sollen. Vielleicht hätten sie es mir abnehmen müssen − dann wäre Schluss für mich. Aber das vergisst man gerne, wenn man da draußen ist und um einen Heimatschuss betet. Der Grund, weshalb sie einen damit nach Hause schicken, ist doch genau der Grund, weshalb man es eigentlich nicht haben möchte.“
„Sir?“
„Erinnern Sie sich, Purefoy?“
Purefoy schwieg einen Moment. Dann platzte es aus ihm heraus: „Ferdinand Couch Dowland Jessop ...“
„Und viele andere“, sagte Locke. „Aber
ich nicht, und das verdanke ich Ihnen.“
Purefoy schwieg.
„Sie haben mir das Leben gerettet. Und anscheinend habe ich Sie zum Captain befördert.“
Was? Purefoy schluckte, plötzlich hellwach. Nicht schon wieder! Die Lage muss wirklich übel sein ...
„Aufgrund Ihrer Tapferkeit und Disziplin im Gefecht, die weit über Ihre Pflicht hinausgehen, aufgrund Ihrer Erfahrung, Intelligenz und Führungskraft und natürlich aufgrund Ihrer guten Beziehung zu den Männern.“
„Danke, Major, ich nehme an, dass Sie von meiner überaus einfachen Herkunft Kenntnis haben ...“
„Wollen Sie die Beförderung oder nicht?“, fragte Locke mit einem halben Lächeln.
„Ich bin doch noch nicht mal Lieutenant.“
„Wen interessiert das, Purefoy? Wir brauchen Captains. Die, die wir hatten, sind alle tot. Aber erzählen Sie’s nicht herum − es könnte auffallen.“
„Es wäre mir eine Ehre, Sir“, sagte Purefoy. Mehr Ausbildung, mehr Geld für Mum, mehr Urlaub. Die eine Hälfte seines Gehirns überschlug sich, die andere schien ... ebenso tot zu sein wie die Captains.
„Kommen
Sie erst mal auf die Beine“, sagte Locke. „Dann
klären wir die Einzelheiten und so weiter.“ Er starrte hinunter
auf Purefoy, der mit seinem Verband im Bett lag. „Ainsworth hat’s
erwischt“, sagte er. „An seinen Verletzungen gestorben. Sie
haben ihn in Hébuterne begraben. Anscheinend wollte er, dass Sie
das hier bekommen.“ Er hielt ihm ein abgewetztes gefaltetes Stück
Papier hin.
Einen Moment lang war es unerträglich. Dann setzte die Kontrolle wieder
ein. „Ich werde seiner Witwe schreiben“, sagte Purefoy. „Sybil.“
„Sybil?“
„Ja, so heißt sie. Ehefrauen haben Namen. Sybil.“
„Julia“, sagte Locke nachdenklich.
„Nadine. Wenn sie mich haben will.“
Locke erinnerte sich an den Brief, den Purefoy ihr geschrieben hatte, darüber, dass er nicht existierte. Ein Jahr war das her, ein Jahr des Krieges. Wie mochte ein Mann jetzt empfinden, wenn er damals schon so empfunden hatte?
„Sie wissen ja, dass Julia ein Kind erwartet“, sagte er.
„Ja, Sir. Sie haben es mir erzählt. Meinen Glückwunsch.“
„Es ist ein ziemlich merkwürdiges Gefühl.“
„Das kann ich mir vorstellen, Sir.“
„Tja.“ Locke stand einen Moment lang da, auf seine Krücke gestützt, dann hob er sie hoch und musterte sie. „Ich dachte mir, ich betrinke mich demnächst mal ordentlich.“
„Gute Idee, Sir“, sagte Purefoy.
„Vielleicht möchten Sie sich ja anschließen.“
„Sobald ich ein Glas halten kann, Sir.“
Sie werden mir einen Zug − oh Gott, eine ganze Kompanie − von Zwangsverpflichteten geben, Bankangestellte, Bauern, Nichtsnutze und weiß der Himmel was noch. Einen richtigen Offizier wollen sie dafür nicht verschleißen, also ziehen sie mich aus dem Schlamm, damit ich die Männer langsam ins Geschützfeuer führe.
Der Befehl lautet, nicht zu laufen.
Moral existiert nicht mehr: keine Richtlinien, kein Naturgesetz, kein gesunder
Menschenverstand.
Liebe deinen Nächsten.
Sind die Deutschen nicht unsere
Nächsten? Der Vetter unserer früheren
Königin? Christliche Nationen, die einander abschlachten?
Wer hat das alles dann zugelassen? Briten, die andere Briten langsam ins
Geschützfeuer führen?
Hier gibt es nichts, gar nichts, was wiedergutgemacht werden könnte.
Es sei denn, es ist einfach ... notwendig. Um dem Elend ein Ende zu machen.
Nach allem, was man hörte, war es immer noch nicht vorbei.
[...]
Einige Tage später wachte er in dem glitzernden Prachtsaal auf und dachte: Captain Purefoy. Captain Purefoy. Mit drei Sternen ... Konnte er mit drei Sternen vorstellig werden?
Captain Purefoy für Miss Waveney, in einer persönlichen Angelegenheit ...
Wann bekommen wir unser Leben zurück?
Bekommen wir unser Leben zurück?
Was für ein Leben können wir jetzt führen? Was bedeutet „zurückbekommen“ überhaupt noch?
Er drehte sich um, und ein stechender Schmerz zuckte durch seine Schulter. Mittlerweile war genug von seiner Lebenskraft zurückgekehrt, dass er erkannte, wie viel davon er verloren hatte – es war ein gottverlassener Moment.
Mein Blut, meine Zeit, meine Jugend, meine Freunde, meine Kraft, meine geistige Gesundheit.
Komm schon, Purefoy, reiß dich
zusammen. Du lebst. Du bist jung. Na ja, ziemlich jung. Du bist am Leben.
Hier und Jetzt.
Wenn keiner gesiegt hat, trotz alldem − wenn keine Seite gesiegt hat, dann kann keine Seite siegen. Dann hat der Krieg gesiegt, und er wird weiter siegen.
Louisa
Young: Eins wollt ich dir noch sagen.
List 2011
ISBN 978-3-471-35047-8, € 18,00
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