Kim Echlin: Der verschollene Liebhaber
Phnom Penh. Das gemächliche Strömen des Verkehrs. Rikschas, gezogen von mageren, barfüßigen Männern, entweder laufend oder mit dem Fahrrad, Motorräder mit vierrädrigen Anhängern, weiße UN-Transporter, Lastwagen vom Roten Kreuz, Militärjeeps und Busse, ein mit Holz beladener Elefant. Die Straßen, die sich gitterförmig vom Wasser hochziehen; Straße 51 endet an Straße 392 und kreuzt Straße 254; alles ist ohne jede Logik zusammengesetzt, wie die Liebe in einer Familie. Und überall Schilder, die mit den verschiedensten Arten von Englisch werben: Alltagsenglisch, Büroenglisch, Geschäftsenglisch, Minimalenglisch. Studenten in weißen Hemden gehen in kleinen Gruppen umher, und ganze Familien fahren abends gemeinsam auf einem Motorrad nach Hause, der Mann vorn am Steuer, dahinter die Frau mit einem Säugling auf dem Arm und die Großmutter mit einem Kleinkind. Ab und zu sieht man eine Frau, die zusammengeschlagen oder mit Säure übergossen nackt und schreiend auf die Straße läuft.
Und so waren wir wieder zusammen, in Phnom Penh, unter Bettlern, Amputierten,
Prostituierten und Straßenkindern, inmitten dieses unablässigen
Kampfes. In Kambodscha ist die Dunkelheit wahrlich eine Gnade.
Dein kahles Zimmer. Der Straßenlärm, die Nacht, die gegen die
Fensterläden drängte. Ich strich über deinen aufgeräumten
Tisch, setzte mich auf den Rand deines Bettes. Es würde nur wenige
Minuten dauern, alles einzupacken und zu verschwinden. Jahrelang hattest
du in dieser kargen Ordnung gelebt. Das Bild von deiner Familie hing neben
dem Tisch an der Wand. Die Aufnahmen von uns beiden aus dem Fotoautomat
hingen über dem Bett. An der Decke drehte sich ein großer Ventilator.
Du hattest immer noch denselben Kassettenrekorder, und über dem Tisch
hattest du zwei Regalbretter angebracht, eines mit ein paar Büchern
auf Khmer und eines mit Kassetten von heimlich mitgeschnittener Musik. Deine
alte Chapei lehnte, in ein Tuch gewickelt, in der Zimmerecke. Meine Gegenwart
nahm so viel Raum ein. Was hatte ich erwartet? Ein großes tropisches
Haus mit Familie, Freundin, Teakholzmöbeln und einer Bibliothek mit
Büchern in vielen Sprachen?
„Was ist mit deiner Familie?“, fragte ich.
„Warum hast du nie auf meine Briefe geantwortet?“,
entgegnetest du.
„Welche Briefe?“
„Es ist zu viel auf einmal. Lass uns später reden.“
Der Körper erinnert sich. Ich öffnete mich dir, als hätte
ich Reißverschlüsse vorne und hinten. In den ersten Momenten
berührtest du mich, als wäre ich ein unbekanntes Terrain, langsam,
forschend, dann entdecktest du eine Sanftheit in dir, die du vergessen zu
haben schienst. Deine Arme, der Geschmack deiner Haut, deine Augen. Ich
konnte kaum atmen. Ich empfing deine Berührung, du empfingst meine
Erleichterung, als würden wir einander unter Schmerzen neu gebären.
Ich war nicht scheu, ich wollte dich, ich hatte mich elf Jahre nach dir
gesehnt, und wir wurden zu Kannibalen, verschlangen gierig unser Fleisch,
flüsterten atemlose Gebete. Selbst wenn ich dich nur diese eine Nacht
haben konnte, war es mir egal.
Hinterher strichst du mir durchs Haar und sagtest: „Zum ersten Mal,
seit ich dich verlassen habe, bin ich glücklich. Das ist die Wahrheit.“ Dann
fügtest du mit deinem bezaubernden Lächeln hinzu: „Anne
Greves, ich sterbe vor Hunger.“
„Ich weiß.“
Die Abdrücke unserer Hände und Lippen noch auf der Haut, gingen
wir in ein Restaurant und aßen gierig phnom pleung, am Tisch gebratene
Fischspieße, mit Wasserspinat und Reis. Wir konnten nicht aufhören,
uns anzusehen, uns mit Blicken zu streicheln. Ein kleines Mädchen kam
mit einem Armvoll pkaa malis vorbei. Du kauftest ihr alle Blumenkränze
ab und schenktest sie mir, und das Mädchen lief strahlend zurück
zu einem Mann, der draußen an der Straßenecke kauerte. Als ich
den Jasmin an meine Nase hob, sagtest du: „Heute ist Vollmond. Riech
noch nicht daran, das bringt Unglück. Nimm sie mit, um sie den Hausgeistern
zu opfern.“
Unter dem Tisch berührten sich unsere Füße. Ein Kellner überprüfte
die Glut. Du sprachst so schnell mit ihm, dass ich kein Wort verstand, und
der Kellner ging wieder.
„Ich sehe Schnee auf deinen Wimpern“, sagtest du. „Und
ich höre Französisch und Englisch. Und Buddy Guy. Aber ich bin
nicht mehr mit einem Mädchen zusammen. Du bist jetzt anders, stärker.“
„Menschen verändern sich im Grunde nicht“, erwiderte ich. „Wir
sind nur ungebrochen, weil wir es immer wieder versucht haben.“
Du lächeltest und sagtest: „Vielleicht verändern
sie sich doch ein wenig, Kleiner Tiger.“
Da wusste ich noch nicht, wie sehr du dich verändert hattest. „Was
machst du beruflich?“, fragte ich.
„Ich übersetze.“
„Da war dein Studium im Ausland ja ganz nützlich.“
Du nahmst über den Tisch hinweg meine Hand. „Nicht
nur, was die Sprachen betrifft, oan samlanh.“
Und da wusste ich, dass ich für immer bei dir bleiben würde.
Wir aßen langsam, und der Kellner kam mit einem kleinen Päckchen
zurück: ein gefaltetes Blatt, das von einem Zahnstocher zusammengehalten
wurde. Du legtest es in meine Hand. „Das ist pkaa champa, für
dich.“
Drei zarte Knospen, die in ein Blatt gehüllt waren und nach Magnolien dufteten.
Ich verkniff es mir, daran zu schnuppern.
Die alten Dichter schrieben selten über erfüllte
Liebe. Wie konnten sie der Versuchung widerstehen?
„Hattest du andere Männer?“ Du fragtest
als Erster.
„Ich habe immer nur dich geliebt.“
Wir schlenderten bereits Hand in Hand zur Straße, als ich fragte: „Und
du? Du musst doch jede Menge Frauen gehabt haben.“
„Nein, keine einzige.“
Wir erzählten einander diese Lügen der Liebe, holten meine Tasche
aus meinem leeren Pensionszimmer und brachten sie zu dir, wo es jetzt nach
Jasmin und Magnolien duftete. Nachdem wir uns geliebt hatten, schliefst
du ein und träumtest. Deine Augen zuckten unruhig unter den geschlossenen
Lidern, und als du sie wieder öffnetest, sagte ich: „Erzähl
es mir.“
„Ich will nicht, dass du dich mit diesem Wissen belastest. In meinen Träumen macht Sokha mir Vorwürfe. Meine Eltern stehen hinter ihm und sehen mich schweigend an. Aber er stellt sich vor mich und fragt immer wieder: ‘Warum hast du nichts getan?’“
Kim
Echlin: Der verschollene Liebhaber.
Kiepenheuer 2009
ISBN 978-3-378-01104-5, € 19,95
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