Sara Zarr: Nichts bleibt
Die ganze Welt verdorrt.
Vertrocknet. Verwelkt. Stirbt.
Na ja, vielleicht nicht die ganze Welt. Irgendwo gibt es wahrscheinlich
einen Ort, wo es morgens um vier nicht schon über dreißig Grad warm ist.
Da wäre ich gerne. Ich wäre gerne irgendwo, wo man das Gefühl hat, leben
zu können, ohne von einer Schicht aus Hitze und Hoffnungslosigkeit erstickt
zu werden. Ich habe es satt, alle zwei Stunden in einer Schweißpfütze
aufzuwachen. Und ich habe es satt, jeden Tag irgendwas Neues zu entdecken,
das kaputtgegangen ist oder auseinanderfällt. Gestern war es der Fernseher.
Heute ist es der Deckenventilator in meinem Zimmer. Von der stickigen
Luft bin ich aufgewacht. Ich bin durch die Glasschiebetür in den Garten
rausgegangen, in der Hoffnung auf eine wundersame Abkühlung. Doch jetzt
weiß ich, dass ich den Garten mit auf die Liste der kleineren Katastrophen
setzen kann, aus denen mein Leben momentan besteht.
Die Solarlämpchen, die mein Dad letzten Sommer aufgestellt hat, geben gerade
genug Licht, um das Elend erkennen zu können, das die Hitzewelle angerichtet
hat. Obwohl – eigentlich ist daran nicht nur die Hitze schuld. Ehrlich gesagt
sieht es schon ziemlich lange so aus. Dads Anfall von heimwerkerischem Einsatz,
bei dem er nicht nur die Lämpchen aufgestellt, sondern auch die Gartenmöbel
gestrichen hat, war ebenso schnell wieder vorbei, wie er gekommen war. Ungefähr
siebzehn Minuten lang hat unsere Familie letzten Sommer so funktioniert,
wie es sich gehört. Das Elend im Garten ist im Grunde nur ein Symptom.
Alles hier draußen erinnert mich an etwas. Ich kann meine Mom förmlich sehen,
wie sie unter dem Apfelbaum hockt und Mulch verteilt, das blonde Haar mit
einem blauen Band zusammengefasst, darunter der elegante Schwung ihres Halses.
Selbst vor ein paar Monaten, als sie komplett betrunken war, hatte sie immer
noch diese Eleganz. Man könnte sagen, meine Mutter hat Klasse.
Die Wäscheleine, die zwischen einem Zaunpfahl und dem Ringbolzen aufgespannt
ist, den mein Vater in den Baum geschraubt hat, erinnert mich daran, wie
er sie anschaute und lachend sagte: „Ich sehe schon vor mir, wie deine Unterwäsche
hier vor den Augen von ganz Pineview im Wind flattert. Wenn du nicht aufpasst,
steht deine BH-Größe demnächst im Kirchenrundbrief.“
„Das wäre witzig, wenn es nicht tatsächlich so wäre“, erwiderte meine Mutter,
aber sie lächelte ebenfalls, und ich wusste, dass es ihr gefiel, wenn Dad
sie auf diese Weise neckte.
„Dad“, sagte ich und tat so, als wäre es mir peinlich. „Bitte.“ Aber mir
gefiel es auch.
In dem Sommer war es nicht so heiß, und wenn die Temperatur doch mal anstieg,
gab es Eistee auf der Veranda und meine Eltern spielten nach Sonnenuntergang
Cribbage. Das Spielbrett lag auf den braun gebrannten Oberschenkeln meiner
Mom, und Dad legte die Karten auf der Armlehne des Liegestuhls ab.
Doch das hielt nicht lange an. Wahrscheinlich ergeben alle meine guten Erinnerungen
aus dem letzten Jahr zusammengenommen gerade mal drei Tage.
Ich gehe durch den Garten und mache mir im Geist eine Liste, was alles zu
tun ist. Die beiden Schmetterlingsflieder sind ineinander gewachsen und
haben die Stelle überwuchert, wo meine Mom früher ihr Kräuterbeet hatte.
Damals, als sie sich noch ums Kochen und solche Sachen gekümmert hat. Der
Samtsalbei ist völlig außer Rand und Band. Die Stockrose, die vor ein paar
Wochen noch ganz normal aussah, ist unter ihrem eigenen Gewicht umgekippt
und liegt wie eine Leiche quer über dem Pflasterweg.
Ein Schweißtropfen läuft mir am Bauch hinunter und in den Bund meiner Schlafshorts.
Ich versuche, die Stockrose aufzurichten, aber sobald ich loslasse, fällt
sie wieder über meine nackten Füße.
Ich bin froh, dass meine Mutter das alles nicht sehen muss.
Dafür hat sie jetzt den Garten der New-Beginnings-Entzugsklinik, der ordentlich
mit trockenheitsverträglichen Pflanzen bestückt ist, die nie mehr von einem
verlangen, als man ihnen geben kann. Ihr Zimmer ist ordentlich. Die Cafeteria
ist ordentlich. Der Besuchsbereich ist ordentlich. Sie ist wie durch Gottes
Hand − in Wirklichkeit jedoch durch den langen Arm des Gesetzes − aus diesem
chaotischen Leben herausgeholt worden.
Ich könnte unseren Garten genauso aussehen lassen wie den der Klinik. Dazu bräuchte ich nur ein paar Pflanzen, Zeit und vielleicht ein Buch aus der Bibliothek, in dem erklärt wird, wie so was geht. Dann muss sie sich, wenn sie nach Hause kommt, nicht dieselben toten und halbtoten Sachen anschauen, die schon da waren, bevor sie weggegangen ist.
Als ich wieder reingehe, liegt Ralph in der Küchenspüle. Er hat sich an
die kühle Keramik geschmiegt und maunzt mich an, als könnte ich irgendwas
gegen die Hitze tun. Wenn in der Spüle Platz genug wäre, würde ich mich
neben ihn legen. Ich hebe ihn heraus und setze ihn auf den Boden, wo er
miauend auf und ab geht und sein graues Fell an meinem Bein reibt.
Es ist kein Katzenfutter da. Es ist auch kaum Menschenfutter da. Ich zupfe
ein paar Stückchen von den Resten eines Grillhähnchens, das im Kühlschrank
liegt, und werfe sie Ralph zu. Dann ziehe ich einen Umschlag aus dem Poststapel
auf der Arbeitsfläche und fange auf der Rückseite eine Einkaufsliste an.
Bald darauf höre ich Dad oben herumlaufen. Ein paar Minuten später taucht
er im Durchgang zu unserer offenen Küche auf. Er ist zerknautscht und verschwitzt,
seine Haare stehen kreuz und quer ab. Er sieht mich an, als würde er überlegen,
wie er das, was er sagen will, möglichst schonend formulieren kann.
„Was ist“, sage ich. Es ist keine Frage, weil ich weiß, dass irgendwas ist.
Jeden Tag ist irgendwas.
„Schlechte Neuigkeiten.“
Ich warte und denke dabei an die diversen Informationen, die in letzter
Zeit auf diese Einleitung gefolgt sind.
Grandpas Operation ist nicht so gut verlaufen, wie wir gehofft hatten.
Wir wissen nicht, ob wir im Herbst das Schulgeld für die Amberton Heights
Academy aufbringen können.
Deine Mutter hatte einen Unfall.
„Die Klimaanlage ist kaputt“, sagt Dad.
Natürlich.
Er bückt sich und krault Ralph am Kopf. „Zumindest kriege ich sie nicht
zum Laufen. Dafür scheint der Fernseher wieder zu funktionieren. Ich weiß
zwar nicht wieso, aber wir haben wieder ein Bild.“
„Mein Deckenventilator tut’s auch nicht mehr.“
„Das ist nicht wahr, oder?“
„Doch. Und wir müssen heute einkaufen gehen.“ Ich halte den Umschlag hoch.
„Ich mache gerade eine Liste.“
Er kommt näher, wobei er einen Geruch verbreitet wie jemand, der in einem
Haus ohne Luft lebt. Er greift nach dem Umschlag und dreht ihn um. Es ist
irgendeine Rechnung. „Wann ist die denn gekommen?“ Er reißt den Umschlag
auf.
„Keine Ahnung. Die Post liegt schon eine ganze Weile da ... Mach meine Liste
nicht kaputt.“
Er nimmt die Rechnung heraus, überfliegt sie kurz und stopft sie wieder
in den Umschlag. „Wahrscheinlich sollte ich mir das alles mal ansehen“,
sagt er mit einem Blick auf den Stapel.
„Ja.“ Es gibt hier eine ganze Menge, worum ich mich kümmern kann und worum
ich mich schon seit langer Zeit kümmere, aber da ich erst fünfzehn und noch
nicht geschäftsfähig bin, gehören Gelddinge nicht dazu.
Dad wühlt in einem weiteren Papierstapel auf der anderen Seite der Arbeitsfläche.
„Hat deine Mom hier nicht irgendwo Coupons gesammelt?“
„Mom schneidet schon seit drei Jahren keine Coupons mehr aus“, sage ich.
Das weiß ich, weil es mein Job war, mich mit der Sonntagszeitung an den
Tisch zu setzen, wenn Dad sich in der Kirche den Gottesdienst vorbereitete.
Ich sah die Coupons und Sonderangebote durch, während Mom ihre allwöchentliche
Panikattacke hatte, weil sie nicht wusste, was sie anziehen und was ich
anziehen sollte. Sie hasste die Sonntage. Irgendwann merkte ich, dass sie
die Coupons gar nicht benutzte. Ich kam zu dem Schluss, dass es sinnvoller
war, Mom dabei zu helfen, sich anzuziehen, fertigzumachen und ruhig zu bleiben.
„Du siehst prima aus“, versicherte ich ihr. Und das tat sie auch.
Dad war zu der Zeit natürlich nie hier, deshalb weiß er nichts davon. Er
hört mit dem Wühlen auf und sieht mich an. „Und was ist das dann für Zeug?“
Das ist alles Mögliche aus den letzten vier Monaten, das sie sich nicht
wegzuwerfen getraut hat: alte Telefonnotizen, Werbezettel für Veranstaltungen,
Kontoauszüge. Früher war ihr Ordnung immer sehr wichtig, deshalb hätte die
Tatsache, dass sich plötzlich diese Stapel bildeten, Dad stutzig machen
müssen. Doch offensichtlich hat er die Küchenarbeitsfläche bis zu diesem
Moment noch nie wirklich wahrgenommen.
„Das gehört Mom“, sage ich. „Lass es einfach liegen.“ Ich will nicht, dass
sie von der Entziehungskur zurückkommt und das Gefühl hat, wir hätten alle
ihre Spuren aus dem Haus beseitigt. „Können wir kurz beim Eisenwarenladen
halten, wenn wir einkaufen fahren?“, frage ich. „Ich will ein paar Sachen
für den Garten kaufen.“
„Vielleicht finde ich da ja das Ersatzteil für deinen Ventilator, dann kann
ich ihn reparieren.“ Er sieht mich auf diese bedeutungsvolle, väterliche
Art an, die ich nicht mehr ertrage, deshalb drehe ich mich um und tue so,
als würde ich in den Kühlschrank schauen. „Was hast du heute sonst noch
vor?“, fragt er.
„Nichts.“ Ich schiebe einen fast leeren Milchkarton fünf Zentimeter nach
rechts und schließe die Tür. „Es sei denn, wir fangen mit den Fahrstunden
an?“
Er schüttelt den Kopf. „Heute habe ich keine Zeit. Ich finde, du solltest
Pläne machen. Ruf doch Vanessa mal an, oder Daniel. Nimm dir was vor. Geh
in ein klimatisiertes Kino und schau dir einen Film an.“
„Mal sehen.“
„Sammy, ich meine es ernst. Okay?“
Ich nicke. Wir haben das schon zur Genüge durchgekaut. Dass ich zu viel
zu Hause herumhocke, eine Angewohnheit aus der Zeit, als ich mich nicht
mehr traute, Mom allein zu lassen. Aber jetzt ist sie ja nicht hier, also
bitte.
„Ich gehe dann jetzt mal duschen“, sagt er.
Ich nicke erneut und sehe ihm nach, wie er durch das stickige Wohnzimmer geht und im Flur verschwindet.
Sara
Zarr: Nichts bleibt.
Aufbau 2012
ISBN 978-3-351-04156-4, € 14,99
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