Chiew-Siah Tei: Der Pavillon der springenden Fische

 

Der Morgen in der Stadt Pindong bietet ein buntes Bild geschäftigen Treibens, ein lärmendes Durcheinander aus Wagen, Kühen, Eseln und Pferden, Fußgängern und Straßenhändlern, die ihre Waren feilschenden Käufern feilbieten.

Singsangmädchen stehen unter den roten Laternen in den Eingängen der Bordelle und versuchen, Kunden anzulocken.

In den Teehäusern hängen Käfige mit Elstern, die die prahlerischen, spuckenden Gäste als Glücksbringer erworben haben. Ihr Krächzen erfüllt den klaren, blauen Himmel.

Laut rufende, gongschlagende Straßenkünstler ziehen durch die Straßen: Puppenspieler, Feuerschlucker, Schwertschlucker, Goldfischschlucker, Seiltänzer. Nackte, schweißüberströmte Oberkörper, deren gebräunte Haut in der prachtvollen Frühlingssonne glänzt.

Mingzhi tritt ins Bild, gefolgt von Kleine Maus, seinem jungen Diener.

Ding! Ding!

Hinter Mingzhi naht ein Eselkarren heran. Als der junge Mann sich verwirrt umdreht, bimmelt ihm die Messingglocke an der Vorderseite des Karrens ins Ohr: „Ding-ding! Ding-ding! Ding-ding-ding!“

Auf dem Fahrersitz hockt ein untersetzter, dunkelhäutiger Bauer, der mit der einen Hand die Peitsche schwingt, um seinen Esel anzutreiben, und mit der anderen Mingzhi beiseite scheucht, als wäre er ein Stück Vieh: „Ksch-ksch! Ksch-ksch!“

Verdutzt steht Mingzhi da und sieht zu, wie der Karren auf ihn zurollt. Kleine Maus zieht seinen Herrn am Ärmel zurück. Beide stolpern und fallen rücklings in einen Hauseingang. Blass und nach Luft schnappend liegen sie mit schmerzendem Hintern auf den Stufen.

„Aiya, junger Herr, so ein Pech aber auch. Kommt nur herein, wir massieren Euch.“

Was für eine bezaubernde Stimme. Mingzhi sieht auf.

Unter einer großen roten Laterne lächelt ein stark gepudertes Gesicht auf ihn herab, umringt von weiteren, ebenfalls bunt bemalten und breit lächelnden Gesichtern. „Ja, bitte kommt herein“, rufen sie im Chor, „wir kümmern uns um Euch.“
Schon legen sich Hände auf seine Kleider, seine Arme, sein Gesicht, greifen wie ein Krake nach ihm. Er errötet. Fremde Frauen, die mich berühren! Er entzieht sich den Händen, rappelt sich hoch, weicht ein paar Schritte zurück, dreht sich um und läuft davon. Kleine Maus folgt ihm.

Hinter ihnen bricht wildes Gekicher aus. Mingzhi blickt über die Schulter. Die Frauen wedeln mit den Händen, locken und zwinkern kokett. Der junge Mann wendet sich ab und läuft noch schneller, untermalt von weiterem Gekicher.

Nachdem sie sich in ein Teehaus geflüchtet haben, klopft Mingzhi sich den Staub aus den Kleidern und versucht, sich zu sammeln. Kleine Maus entdeckt einen freien Tisch in einer Ecke auf dem Balkon im ersten Stock, mit Blick über die Hauptstraße.

Mingzhi lehnt sich auf das hölzerne Geländer und sieht hinunter auf das bunte Treiben.
Überall eilen Menschen umher. Pferde-, Esel- und Ochsenkarren schieben und bimmeln sich durch die Menge, klopp-klopp-klopp, ding-ding-ding, vorbei an den zahllosen Ständen entlang der Straße.

Die Stände.

Hungrige Esser sitzen oder hocken um den großen, dampfenden Kessel eines Sojabohnen- und Pfannkuchenstandes und sehen aufmerksam zu, wie der Händler einen Teigfladen nach dem anderen in das heiße, goldgelbe Öl gleiten lässt. Ihnen läuft das Wasser im Munde zusammen, während die Fladen in dem Meer aus brutzelndem Öl tanzen und sich unter den duftenden Dampfschwaden in pralle, goldene Pfannkuchen verwandeln. Fertig zum Hineinbeißen. Und der Duft lockt immer neue Passanten herbei, die sich in die Frühstücksschlange einreihen.

Frauen, jung und alt, drängen sich um die Stoffstände und suchen sich die schönsten Bahnen heraus: himmelblau oder seegrün oder rosarot oder buttergelb, einfarbig oder gepunktet oder kariert oder geblümt, in allen Farben und Mustern.

Männer stehen mit gesenktem Kopf in der Menge, die sich vor dem Stand mit Wundermitteln für die Manneskraft gebildet hat, sichtlich bemüht, möglichst von niemandem erkannt zu werden. Doch der gutgebaute Standbesitzer ist entschlossen, sich selbst und die umstehenden Männer ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Er schlägt auf seinen Gong und wedelt mit seiner Klapper.

„Nach einem Schluck von meinem Zaubertrank“

Klapp-klapp!

„Werdet ihr so munter sein wie ein Zauberdrache!“

Gong!

„Nach einem Schluck von meinem Zaubertrank“

Klapp-klapp!

„Wird eure Frau so zahm sein wie ein Kätzchen!“

Gong! Gong!

„Nach einem Schluck von meinem Zaubertrank“

Klapp-klapp!

„Gehört euch die ganze Welt!

Gong! Gong! Gong!

Mingzhi atmet tief durch.

Unter ihm liegt eine Welt voller Gerüche, Farben und Bewegung.

Voll wirklichem Leben.

Ihm steigen Tränen in die Augen. Mein erster Schritt hinaus, nach all den Jahren.

Kleine Maus, der seinen Herrn beobachtet, schüttelt den Kopf. Oh, dieser Dichter.

Er kennt diese plötzlichen Anfälle von Feierlichkeit. Obwohl sein junger Herr mittlerweile achtzehn ist, zwei Jahre älter als er selbst, lebt er in seiner eigenen Welt. Ein Regenbogen nach einem Schauer, gefallenes Laub im Garten oder eine tote Eidechse zwischen den Schiebetüren eines Schranks − solche kleinen Dinge können Mingzhi für den Rest des Tages melancholisch oder nachdenklich stimmen. Und in seinen Augen liegt stets eine leise Traurigkeit. Er hat zu viel über den Herbstwind, verwelkte Blumen, wirbelnden Schnee und den abnehmenden Mond gelesen. Erneut schüttelt Kleine Maus den Kopf.

Schon ertönt wieder der Gong. Kleine Maus späht hinunter auf die Straße, schlürft zufrieden seinen warmen Tee und klopft den Rhythmus des Zaubertrankliedes mit.

Mingzhis hungriger Blick schweift über die wimmelnde Menschenmenge. Mal hierhin, mal dorthin. So viel zu sehen. Plötzlich bleibt er an einem seidig glänzenden, hellblauen Fleck hängen, der im Sonnenlicht aufleuchtet. Am Stoffstand weicht die Menge auseinander, als mache sie Platz für jemand Erhabenen, Geweihten, dem man nicht zu nahe kommen darf.

Ein junges Mädchen in einem kostbaren blauen Kleid geht durch die frei gewordene Gasse, ohne die Reaktion der Menge zu beachten. Sie lächelt und flüstert ihrer Begleiterin − ein schlichter gekleidetes Mädchen, vermutlich ihre Dienerin − etwas zu, während sie sich dem Stand nähert. Die Dienerin hält einen Ballen türkisfarbener Seide hoch, und ihre Herrin mustert ihn eingehend, hält ihn dicht an ihr Gesicht. Ihr makelloses, junges Gesicht. Ihre Wangen, die den Ton der Seide reflektieren, schimmern in der Farbe des Meeres, die Seide schmiegt sich zärtlich an ihre Grübchen. Wie verzaubert starrt Mingzhi auf diese Erscheinung in Blau, die sein Herz zum Schmelzen bringt. Das laute, geschäftige Treiben um sie herum ist wie fortgewischt.

Es gibt nur noch sie.

Dann wendet sie sich ab, und die Dienerin folgt ihr. Mingzhi reckt den Hals, sieht, wie das schimmernde Blau in einem Meer blasser, einfacher Baumwolle verschwindet.

Wer ist sie?

Mingzhis junges Herz schlägt wie wild.

 

Cover Chiew-Siah Tei "Pavillon der springenden Fische"Chiew-Siah Tei: Der Pavillon der springenden Fische.
Droemer 2009 
ISBN 978-3-426-19823-0, € 19,95

 

 

 

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