Morgan Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See
Das mit dem Feuer war so: Wir bauten Mist, und wir wurden erwischt.
An dem Abend, als die ganze Sache anfing, hatten Dad
und Carlie mal wieder ihren üblichen Streit, wie in letzter Zeit öfter. Während
ich in meinem Zimmer auf Dottie, Glen und Bud wartete, verfolgte ich das
Hin und Her. Unser Haus war klein, sodass ich von meinem Zimmer aus fast
alles hören konnte, was im Elternschlafzimmer gesprochen wurde. Das
Problem war, dass Daddy, der ruhende Anker der Familie, es hasste, irgendwohin
zu fahren, während Carlie, die Rastlose, das Reisen liebte. Sie und
Patty fuhren einmal im Jahr ein Stück die Küste hinauf, aber sie
wollte, dass Daddy mit uns als Familie verreiste.
Daddy sagte: „Warum versuchst du immer wieder, mich zu ändern?“
„Weil wir jeden verdammten Tag dasselbe tun. Aufstehen,
essen, arbeiten, essen, schlafen und wieder aufstehen. Lass uns doch mal
was tun, was wir noch nie getan haben. Irgendwohin fahren, wo wir noch
nie gewesen sind.“
„Ich tue gar nicht jeden Tag dasselbe“, wandte
Daddy ein.
„Stimmt. Dienstags und donnerstags trägst du ein anderes Hemd.
Hör mal, Schatz, es muss ja nichts Teures sein, und ich habe ein
bisschen Trinkgeld gespart.“
„Ich muss das Haus streichen. Und das von Ma auch. Und ich muss das
Holz reinholen. Jetzt ist der falsche Zeitpunkt. Wir fahren nächsten
Sommer, versprochen. Irgendwie kriegen wir das schon hin.“
„Ach, Leeman, es wird immer der falsche Zeitpunkt sein. Warum tun
wir’s nicht einfach?“
Ein lautes Klopfen an meiner Zimmerwand ließ mich zusammenzucken.
Ich wartete einen Moment ab, ob meine Eltern es gehört hatten. Doch
sie redeten weiter, und so schob ich das Fliegengitter hoch und schwang
mich aus dem Fenster. Glen, der von uns vieren bisher am größten
war, reckte sich und zog das Gitter wieder herunter, damit keine Mücken
ins Zimmer kamen.
„Los, gehen wir“, sagte Bud. Wir schlichen über den ausgetretenen
Pfad, der hinter unserem Haus entlang und zum Wald hinauf führte. Am
Waldrand kletterten wir über die Cheeks, einen großen weißen
Felsen, der in der Mitte durchgebrochen war. Dann knipste Bud seine Taschenlampe
an, und wir marschierten hinter ihm her, ich als Erste, danach kam Dottie,
Glen bildete die Nachhut.
[...]
Unsere Schritte machten dumpfe Geräusche auf dem harten Boden. Glens
Turnschuhe quietschten wie alte Scharniere, und mein einer Knöchel
knackte laut. Als direkt vor Buds Füßen ein schwarzer Schatten
entlanghuschte, blieb er abrupt stehen. Dottie lief mit so viel Schwung
in mich hinein, dass ich ihn umwarf und auf ihn drauffiel. Er schlug wie
ein Wilder um sich, während ich versuchte mich aufzurichten. Schließlich
packte Glen mich und half mir hoch. Bud stand auf und klopfte sich die Erde
von Hemd und Shorts. „Rück mir nicht so auf die Pelle, verdammt
noch mal“, knurrte er mich an.
„Bleib du nicht so plötzlich stehen“, entgegnete ich. „Außerdem
solltest du mehr essen. Ich dachte, ich wäre auf einem Skelett gelandet.“
Dottie schob mich zwischen sich und Glen. „Jetzt
habt ihr beide einen Puffer.“
Wir setzten uns wieder in Bewegung, und kurz darauf fiel
der Lichtstrahl von Buds Taschenlampe auf eine Abzweigung, die so von
Büschen verdeckt
war, dass man sie kaum bemerkte. Dieser Pfad führte zu den großen
privaten Sommerhäusern. Wir waren ihn schon mal im Winter gegangen,
als das Naturschutzgebiet verlassen und die Häuser verriegelt waren,
aber noch nie im Sommer, und erst recht nicht nachts.
Wir wollten bloß ein paar Feuerwerksknaller in die Luft jagen. Uns
in die Nähe einiger Häuser schleichen, die Böller anzünden,
und dann nichts wie weg. Das Ganze war Glens Idee gewesen. Seinem Vater,
Ray Clemmons, gehörte der Laden oben an der Straße, wo die Leute
aus The Point und der Gegend drumherum, die Touristen und die Besitzer der
Sommerhäuser einkauften. Manchmal hatte Ray auch Sachen in seinem Lager,
die nicht ganz legal waren. Aber der hiesige Sheriff war Parker Clemmons,
Rays Bruder und Glens Onkel, und so landeten jeden Sommer ein paar Kisten
mit Feuerwerkskörpern und Knallern in Rays Hinterzimmer. Das meiste
davon war nach dem 4. Juli verschwunden, bis auf ein paar Kartons, die Ray
für das große Grillfest am Ende des Sommers aufhob.
Und in diesem Jahr hatte Glen sich einen Karton mit Knallern unter den Nagel
gerissen.
„Wie wär’s, wenn wir den Sommerhäusern einen nächtlichen
Besuch abstatten“, hatte er gemeint, „und ihnen ein bisschen
Feuer unterm Hintern machen?“
„Spinnst du?“, hatte Bud entgegnet. „Wenn wir erwischt
werden, gibt’s eine Tracht Prügel. Warum sollen wir uns mit denen
anlegen? Die sind die, und wir sind wir. Und das ist auch besser so.“ Damit
hatte er nicht unrecht, aber trotzdem marschierte er jetzt mit uns durch
den Wald.
Der Pfad wand sich zwischen Bäumen hindurch, die so dicht standen,
dass man selbst am Tag von unten den Himmel nicht sehen konnte. Ich bekam
eine Gänsehaut bei der Vorstellung, ein Fischermarder könnte von
einem Ast herunterspringen und seine Zähne und Krallen in meinen Kopf
bohren. Ich hatte gehört, dass Fischermarder ihre Beute zerfleischten
und dann die Knochen ausspuckten. Doch als plötzlich Gelächter
zu uns herüberklang, zersprangen meine Ängste wie Glas. Zwischen
den Bäumen schimmerten die Lichter eines Sommerhauses hindurch, und
Bud schaltete die Taschenlampe aus.
[...]
Das Haus war rundum von einer Veranda umgeben, von der
Frauenstimmen herüberklangen,
auf- und absteigend wie Möwen, die ein Fischerboot umschwärmen,
während die der Männer verhalten grollten wie ferner Donner.
Glens schwarze Augen funkelten im Lichtschein. „Klasse. Sie sind alle
hier. Der Platz unter der Veranda ist groß genug, um drunterzukriechen.
Wir verteilen die Knaller, zünden sie an, verstecken uns wieder hier
und sehen zu, wie das Chaos ausbricht, wenn die Dinger hochgehen.“
„Da sind zu viele Leute“, sagte Bud. „Wir
werden bestimmt erwischt.“
„Die machen so viel Krach, die hören uns gar nicht“, sagte
ich. „Außerdem klingen sie, als wären sie betrunken.“
„Stimmt genau“, sagte Glen. „Florine, wir beide schleichen
uns von rechts an, Bud und Dottie von links. Wir treffen uns unter der Veranda.
Steckt die Kerzen zwischen die Knaller, zündet sie an, und dann nichts
wie weg.“
Die Scharniere der Hintertür quietschten.
„Da kommt jemand“, zischte Dottie. Wir duckten uns und spähten
zwischen den Büschen hindurch.
Ein großer, dünner Mann mit Glatze stieg die
Stufen hinunter und kam leicht schwankend auf uns zu.
Bud und ich kauerten vor Dottie und Glen. Als die beiden
zurückwichen,
um uns den Fluchtweg freizumachen, knackte ein Zweig unter Dotties Fuß. „Mist“,
fluchte sie leise.
Der Mann blieb stehen. „Wersda?“, rief er lallend. Bud und ich konnten nicht mehr entkommen, ohne dass er uns hörte, also machten wir uns so klein wie möglich. Die Schritte des Mannes knirschten über den Kies und hielten direkt vor uns an.
„Kuckuck!“, rief er
und kicherte wie ein Mädchen.
Ein paar Sekunden vergingen, bevor er zu singen begann. „You’d
never know it, but I’m a kind of poet.“ Das Ratschen eines Reißverschlusses.
Dann traf mich ein warmer Strahl Pisse auf Kopf und Rücken. Die Angst,
erwischt zu werden, war größer als der Ekel, also hielt ich still.
Schließlich schwenkte er hinüber zu Bud. Bud ergriff meine Hand
und drückte sie. Es dauerte ewig. Endlich hörte der Kerl auf und
zog seinen Reißverschluss wieder zu.
„Hadley?“, rief eine Frau vom Haus herüber.
„Ist ja gut, du alte Schachtel, ich hau schon nicht ab“, brummelte
er. Wieder knirschten seine Schritte über den Kies, dann quietschte
die Hintertür und fiel mit einem Klicken ins Schloss.
Bud stand auf und zerrte sich die Sachen vom Körper, bis er nur noch
in seiner weißen Unterhose dastand. „Oh Mann“, sagte er. „Verdammter
Mist.“ Er wrang sein Hemd und seine Shorts aus, und da er nicht wusste,
was er sonst tun sollte, zog er sie wieder an. Ich wand mich aus meiner
Bluse, wischte mir mit der trockenen Vorderseite den Kopf ab, so gut es
ging, und zog sie ebenfalls wieder über.
Glen und Dottie lachten, dass das ganze Gebüsch bebte.
„Haltet die Klappe“, sagte Bud. „Lasst
uns nach Hause gehen.“
Wieder quietschte die Hintertür, und wir gingen in
Deckung.
Ein blonder Junge schloss die Tür, sprang die Treppe hinunter und überquerte
die Einfahrt. Vor unserem Versteck blieb er stehen und flüsterte: „Ich
weiß, dass ihr da drin seid.“
„Na toll“, sagte Bud und stand auf. Nach kurzem Zögern
folgten wir seinem Beispiel.
„Ich habe euch vom Turm aus gesehen“, sagte der Junge. „Was
macht ihr hier? Spionieren?“
„Schauen, was hier zu holen ist“, erwiderte
Glen.
„Meine Güte, Glen“, sagte Bud. „Nein, natürlich
nicht.“
Ich musterte den Jungen. Er hatte ein hübsches Gesicht. Seine Augen
waren trotz der blonden Haare dunkel. Seine Finger bewegten sich unruhig,
und auch die langen, dünnen Beine hielten keinen Moment still.
„Nein, im Ernst“, sagte er. „Was habt
ihr vor?“
„Na los, erzählen wir’s ihm“, sagte ich. „Was
anderes bleibt uns doch eh nicht übrig.“
„Es sei denn, wir schlagen dich zu Brei und lassen dich hier in der
Einfahrt verbluten“, sagte Glen zu dem Jungen. „Und glaub ja
nicht, dass wir das nicht könnten.“
Der Junge zuckte die Achseln. „Schon möglich, aber vorher würde
ich schreien.“
Glen schnaubte. „Meinst du, die hören dich, bei dem Krach?“
„Ich weiß, wer du bist“, sagte der Junge zu Glen. „Du
arbeitest in dem Laden unten an der Straße.“ Er sah zu Bud. „Und
du arbeitest auf einem Hummerboot.“ Dann zu Dottie. „Dich hab
ich auch schon gesehen.“ Dann zu mir. „Ich bin Andy Barrington.“
„Und ich Florine Gilham“, sagte ich.
„Nett, dich kennenzulernen.“
„Na fein“, brummte Bud. „Nachdem wir das geklärt
haben, können wir ja jetzt gehen.“
Glen sah ihn fragend an. „Du meinst, wir ... machen
nicht, was wir vorhatten?“
„Was hattet ihr denn vor?“, fragte Andy.
„Wir wollten unter der Veranda ein paar Knaller zünden“,
sagte Glen.
„Echt?“ Andys Augen begannen zu funkeln. „Das
klingt doch prima.“
„Ich bin dabei“, sagte ich.
„Ich auch“, sagte Dottie. „Wo wir schon
mal hier sind.“
Wir alle sahen Bud an. Er schüttelte den Kopf, dann sprintete er plötzlich
ohne Vorwarnung über die Einfahrt und verschwand um die Hausecke. Andy
und ich folgten ihm, und zu dritt krochen wir unter die Veranda. „Wenn
ich mich noch mal auf eine von Glens Ideen einlasse, erschießt mich“,
knurrte Bud. Er nahm eine Handvoll Knaller aus seiner Tasche, legte sie
auf einen Haufen, steckte ein paar blaue Minikerzen hinein und murmelte: „Alles
Gute zum Geburtstag!“
Glen und Dottie zwängten sich von der anderen Seite unter die Veranda. „So
war das aber nicht geplant“, sagte Glen leise zu Bud.
„Sein Aufkreuzen war auch nicht geplant.“ Bud wies mit dem Kopf
auf Andy, der neben mir auf der Erde hockte. „Los, bringen wir’s
hinter uns.“
Glen häufte seine Knaller auf, dann krochen er und Bud mit den restlichen
Böllern weiter in die Mitte, bis schließlich vier stattliche
Haufen bereitlagen. Über uns knarzte der Holzboden, und die Stimmen
wurden immer lauter. Andy sagte: „Ich habe Streichhölzer. Braucht
ihr welche?“
„Die haben wir selbst“, sagte Glen. „Florine, Dottie,
Bud, bringt euch in Position.“ Jeder von uns hockte sich vor einen
der Haufen, dann sagte Glen: „Eins – zwei – drei“,
und wir zündeten unsere Kerzen an. Dottie war als Erste fertig. Sie
kroch hinaus und rannte davon, Bud und ich gleich hinterher. Wir liefen
bis zum Waldrand und warteten auf Glen. Aber er kam nicht.
„Wo zum Teufel bleibt der Kerl?“, sagte Dottie.
Der erste Haufen explodierte. Der Lärm war sogar noch lauter, als ich
gedacht hatte. Es krachte und knallte, und die Leute flüchteten kopflos
von der Veranda. Dann der zweite Haufen.
Plötzlich schlug unter der Veranda eine Flamme hervor,
und Glen, der sich die Hand hielt, kam auf uns zugerannt.
Von der Rasenfläche rief ein Mann: „Da ist er!“, und machte
sich an die Verfolgung. Dottie sprang hektisch auf und stieß mich
beiseite, sodass ich mitten in der Einfahrt landete. Bud packte mich und
zerrte mich zurück in die Büsche. Glen stürmte an uns vorbei,
dicht gefolgt von dem Mann.
„Den Gartenschlauch, los, holt den Gartenschlauch“, rief jemand.
Ein paar Männer schnappten sich den Schlauch, der an der Seite des
Hauses hing, und löschten das Feuer, das am Geländer emporzüngelte.
Bläulicher Rauch lag in der Luft. Dann explodierte der dritte Haufen,
und die Leute wichen erschrocken zurück.
Der Mann, der hinter Glen hergerannt war, kam wieder aus
dem Wald. Ein anderer Mann ging ihm entgegen. „Ist er dir entwischt?“, fragte er. „Hast
du ihn erkannt?“
„Ja, es war der Junge aus dem Laden. Aber ich glaube, er war nicht
allein. Wahrscheinlich ein paar Fischerkinder. Ich rufe den Sheriff.“ Er
spuckte auf den Rasen. Sein Haar war blond, wie das von Andy. Die beiden
gingen zum Haus zurück. Als der vierte Haufen explodierte, rannten
Bud und ich, als wäre der Teufel hinter uns her. Im zuckenden Strahl
der Taschenlampe liefen wir bis zum Waldrand bei den Cheeks, wo Dottie auf
der Erde saß und ihren rechten Knöchel massierte. Glen lehnte
mit schmerzverzerrtem Gesicht an einem Baum, die eine Hand unter die Achsel
geklemmt, und stöhnte.
„Oh Mann“, ächzte er. „Ich hab mich übel
verbrannt.“
„Lass mal sehen“, sagte ich. Bud hob die Taschenlampe, und Glen
hielt seine Hand in den Lichtstrahl. An seinem Handgelenk hatten sich bereits
Blasen gebildet. „Du brauchst Hilfe.“
„Ich brauche vor allem erst mal eine Ausrede“,
sagte Glen.
„Die wissen sowieso, dass du das Feuer gelegt hast“,
sagte ich.
„Aber das hab ich ja gar nicht!“, protestierte Glen. „Andy,
dieser Blödmann, hat einen der Knaller mit der Kerze angezündet,
und als das Ding anfing zu zischen, hat er die Kerze weggeworfen und ist
davongerannt.“
„Wir müssen so schnell wie möglich nach Hause“, sagte
Bud. „Wir müssen vor Parker da sein.“
Aber wir kamen zu spät. Als wir über die Cheeks
kletterten und den Pfad hinunterliefen, wartete der Sheriff bereits mit
unseren Eltern im Garten hinter unserem Haus.
Parker verschwand mit Glen und Ray. Bud und Dottie wurden
von ihren Eltern nach Hause geschleift. Ich blieb allein mit Daddy und
Carlie zurück.
„Was zum Teufel habt ihr euch bloß dabei gedacht?“,
sagte Daddy.
„Wie bist du denn so nass geworden?“, fragte Carlie und befühlte
mein T-Shirt. Dann schnupperte sie an ihrer Hand. „Hast du dich in
Pisse gewälzt?“, fragte sie. „Lee, riech mal an ihr.“
„Nicht nötig, sie stinkt bis hierher“, sagte Daddy. „Diesmal
gibt’s wirklich Ärger, Florine.“
Nachdem Carlie die Pisse aus meinen Haaren gewaschen und
meine Kleider weggeworfen hatte, setzten wir uns alle an den Küchentisch.
„Muss ich jetzt ins Gefängnis?“, fragte
ich.
„Wär vielleicht das Beste“, meinte Daddy.
„Jag ihr keine Angst ein“, sagte Carlie. „Das würde ich niemals zulassen.“
Morgan
Callan Rogers: Rubinrotes Herz, eisblaue See.
Mare 2010
ISBN 987-3-86648-131-2, € 19,90
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