Blue Balliett: Der fünfte Spieler
Ich habe schon immer in Three Oaks, Michigan gelebt. Oder fast immer. Ich war gerade ein paar Tage alt, als ich eines Morgens im Frühling auf der Hintertreppe vom Haus meiner Großeltern auftauchte. In ein altes Sweatshirt gewickelt, die Ärmel vorne zusammengebunden, damit ich es warm hatte, lag ich in einem Transportkorb für Katzen. Die Gittertür war geschlossen. Meine Grandma Al sagt, das sei geschickt gewesen.
Ein Zettel mit einer unbekannten Handschrift darauf klebte oben auf dem Korb. Meine Grandma hat ihn immer noch. Ein Wort ist falsch geschrieben, aber abgesehen davon hatte sich jemand Mühe gegeben, die Nachricht so ordentlich wie ein Einmachetikett aussehen zu lassen:
Buckeye Chamberlain ist mein Vater
Ich heise Zoomy
Bitte behaltet mich
Als Grandma Al an dem Morgen als Erste in die Küche kam, hörte sie ein seltsames Geräusch von draußen. Sie öffnete die Hintertür − und der Rest ist Geschichte. Als mein Grandpa Ash in die Küche runtergepoltert kam, saß Gam − so nenne ich Grandma − mit mir auf dem Arm am Tisch; Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Großer Gott, was haben wir denn da?“, dröhnte
mein Grandpa. Gumps − das ist der Name, den ich ihm gegeben habe − brüllt
immer, weil er schlecht hört. Sein Blick fiel auf den Katzenkorb. „Ist
das eine Stallkatze oder ein Kind?“
„Das ist Zoomy“, sagte meine Grandma. „Er gehört
uns.“
Mein Grandpa hatte wohl so seine Zweifel,
aber er versuchte, sie sich nicht anmerken zu lassen. Ich hatte einen
Wust schwarzer Haare und war so braun wie eine Herbsteichel, und im ersten
Schreck passte für ihn einfach
nichts zusammen − er hatte noch nie ein Mitglied der Familie Chamberlain
gesehen, das nicht rosa war.
Er kratzte sich am Kopf und sagte immer wieder: „Aber er heißt
Zoomy“, und dann:
„Na, da hol mich doch. Wenn Schildkröten
Flügel haben!“ Das sagt Gumps nur, wenn er hundertprozentig verblüfft
ist.
Ich sollte vielleicht erklären, wer Buckeye ist und
wer Zoomy war, damit du verstehst, woher sie wussten, dass ich ich war.
Buckeye ist ihr Sohn und ihr einziges Kind. Als ich auftauchte,
war er bereits seit acht Monaten fort. Tag um Tag, Woche um Woche hatten
meine Großeltern
in den Briefkasten geschaut und auf einen Anruf gehofft. Sie machten sich
große Sorgen, denn Buckeye war erst neunzehn Jahre alt.
Er war ziemlich schwer zu zähmen, wie Gumps sich ausdrückte, und fuhr so schnell mit dem Familien-Pickup, dass er sich damit mehr als einmal um einen Baum wickelte. Er trank Sachen, die er nicht trinken sollte. Er war abends oft mit Mädchen unterwegs. Er war in Schlägereien und Streitereien verwickelt. Er bekam nicht nur Ärger mit der Schule, sondern auch mit der Polizei, auch weil er immer jemand anderem die Schuld gab, wenn etwas schiefgelaufen war. Er war immer der Meinung, andere Leute wollten ihm schaden, auch wenn sie versuchten, ihm zu helfen.
Eigentlich wollte
er ein guter Kerl sein, wie Gam sagte, er schien nur nicht zu wissen, wann
es genug war. Oder wann er jemandem vertrauen konnte. Oder wann er aufhören
sollte, Unsinn zu machen.
„Unsinn machen?“, schnaubte Gumps. „Ich nenne das gegen
das Gesetz verstoßen!“ Wenn er solche Sachen sagte, wackelte
Gam immer mit dem Kopf hin und her, als wäre ihr Kragen zu eng.
Nachdem er mit der Schule fertig war, nahm Buckeye sich ein Zimmer bei einem
Pfirsichbauern in der Scheune und arbeitete bei ihm auf der Plantage. Das
war zwanzig Meilen entfernt, in Berrien Springs.
Dann bekamen meine Großeltern einen Anruf. Buckeye war drei Tage nicht
zur Arbeit erschienen. Sein Boss sagte, er wäre eines Nachmittags einfach
zwischen den Bäumen verschwunden und nicht wieder zurückgekommen.
Monate vergingen. Kein Anruf, kein Brief. Mein Grandpa nannte
es die Auf-Buckeye-warten-Zeit und meinte, sie hinge über dem Haus wie ein nasser Morgen. Der Tag
im Frühling, als Gumps in die Küche kam und statt Frühstück
eine vor Freude weinende Gam vorfand − das war wohl der erste schöne
Moment seit sehr langer Zeit.
Zoomy war der Name, den ihr Sohn Buckeye als Kind seinem besten Freund gegeben
hatte, seinem unsichtbaren besten Freund. Er hatte Zoomy über alles
geliebt. Und diesen Namen gab es kein zweites Mal.
Und da kam ich ins Spiel. Niemand außer unserer Familie kannte den
Namen Zoomy. Gam hatte ihrem Sohn beigebracht, seinen Freund geheimzuhalten.
Damit war ich echt. Ein Geschenk. Vielleicht hatte Buckeye seiner Freundin
gesagt, wie das Baby heißen sollte, oder er hatte ihr Geschichten
aus seiner Kindheit erzählt. Doch im Grunde war es meinen Großeltern
egal. Mein Name genügte ihnen als Beweis. Ich war ganz klar Buckeyes
Sohn.
Ich war das Geheimnis eines Geheimnisses. Das erste war der unsichtbare
Zoomy von damals gewesen, und das zweite war der echte Zoomy. Ich.
Genau genommen war auch meine Mutter ein Geheimnis, das macht schon drei.
Ich war das Geheimnis eines Geheimnisses eines Geheimnisses.
Und das alles in einer ganz kleinen Stadt.
[...]
Ohne meine Listen wäre ich aufgeschmissen. Ich finde es großartig,
wie eine Liste dafür sorgt, dass ein großes Kuddelmuddel von
Sachen zusammenschrumpft und sich benimmt. Gam sagt, Listen gibt es schon
seit dem Anbeginn aller Zeiten.
Außer meinem Tageslistenbuch habe ich noch Notizbücher für
alle möglichen anderen Dinge: persönliche Geheimnisse (mit einem
P auf dem Einband), Sachen, die ich erforschen will (E), Namen, die ich
mag (N), Käfer, die ich gefunden oder geschenkt bekommen habe (K).
Außerdem gibt es noch G (Garten) und L (der Laden meines Großvaters).
Ich mache das schon sehr lange. Alle meine Notizbücher bewahre ich
in Schuhkartons unter meinem Bett auf.
Ich schreibe mir Sachen auf, über die andere Leute nicht nachdenken
müssen, zum Beispiel ~Aufstehen, ~Anziehen, ~Bettenmachen und so weiter.
Wenn etwas erledigt ist, streiche ich es am liebsten sofort durch, ganz
egal, wo ich gerade bin.
Vor den Listen bin ich dauernd steckengeblieben. Ich wusste
zwar, dass ich etwas tun sollte, aber manchmal konnte ich es einfach nicht
tun. Stattdessen habe ich immer wieder meine Augenbrauen zusammengedrückt oder mich
tausendmal ans Kinn getippt oder in den Ellbogen gezwickt. Als ich noch
ganz klein war, habe ich geschrien, wenn meine Großeltern versuchten,
mich davon abzuhalten.
Dann hat Grandma begriffen, dass ich einfach nur etwas Besonderes
brauchte, eine spezielle Aufgabe, die ich erledigen konnte, vor den notwendigen
Dingen wie zur Schule gehen. Sie versuchte, sich für mich eine Art Ritual
auszudenken. Zum Beispiel sollte ich jeden Morgen, bevor ich aufstand, meine
Arme und Beine strecken, aber das funktionierte irgendwie nicht so recht − sollte
ich erst das linke Bein strecken und dann das rechte, oder war es umgekehrt?
Schon bald kniff ich mich in jeden Zeh, bevor ich die Socken anziehen konnte,
und malte mit meiner Brille einen Kreis um jedes Ohr, bevor ich sie aufsetzen
konnte. Und wenn die Kreise nicht hundertprozentig rund waren, musste ich
das Ganze so lange wiederholen, bis sie es waren.
Das war ganz schön anstrengend.
Und dann hat Gam die Lösung gefunden. „Listen!“, rief sie
eines Tages aus. „Ohne die wäre ich verloren. Hodillyhum.“ Das
ist ihr Ausdruck für Amen, Gott sei Dank und So
ist das nun mal. Sie
lief sofort los und besorgte mir mein erstes Listenbuch, ein kleines Notizbuch
aus dem Schreibwarenladen von Three Oaks.
Grandpa und Grandma sind nicht wie ich. Sie sind eher wie
Laken, die an einem windigen Tag draußen zum Trocknen aufgehängt werden − sie
wechseln ohne viel Trara die Richtung. Aber wenn ich ein Laken wäre,
an dem der Wind zerrt, würde ich nur noch flattern.
Meine Großeltern haben schon vor langer Zeit gelernt, dass selbst
die kleinsten Veränderungen mich flatterbibbrig machen können,
wie wir das nennen. Dann fängt mein Magen an, wie verrückt auf
und ab zu hüpfen, und der Rest von mir bleibt stecken. Meistens geht
dann die Tipperei wieder los.
Als ich klein war, mussten sie mich warnen, bevor Gumps
sich ein Paar neue Stiefel besorgte, oder bevor Gam meine Brote gerade durchschnitt
statt schräg,
oder bevor sie mir eine neue Hose kauften. So ist es bis heute; sie versuchen
immer noch, mich vor allem Neuen zu warnen. Zumindest vor dem, wovon sie
wissen.
Ich will für immer bei ihnen bleiben.
Blue
Balliett: Der fünfte Spieler.
Aufbau 2011
ISBN 978-3-351-04129-8, € 12,95
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