Ewan Morrison: Swinger

 

„Hier ist die Küche.“

Bizarre Situation. Er kam sich vor wie der Makler in der Nachbarwohnung. Führte Shona und Steve herum, als wären sie Kaufinteressenten. Wer weiß, vielleicht mussten sie das in einem Monat oder so tatsächlich tun. Verkaufen, ausziehen.

„Das Schlafzimmer. Pseudoviktorianisch, ist leider nicht echt. Auch das mit dem West End ist etwas geschönt.“

Er fürchtete, dass er zu bürgerlich klang. Die Karikatur eines gepflegten Hyndland-Ehemanns. Versnobt. Diese armen Prolos mit ihrem piefigen Hochzeitsfoto im Netz. Irgendwie hatte er das Gefühl, Shona war ganz aufgeregt, bloß weil sie hier sein durfte. In einer echten, geräumigen West-End-Wohnung. Alice machte sich in der Küche zu schaffen. Vor dem weißen Zimmer blieb er stehen, ließ die Tür aber wohlweislich zu.

„Genauso groß wie das Schlafzimmer, aber im Moment voller Krempel. Wir sind gerade erst eingezogen und wissen noch nicht so recht, was wir daraus machen sollen.“

„Schön habt ihr’s hier, wirklich“, sagte Shona.

„Und wo wohnt ihr?“, fragte er. Mist, das hatte er sie vorhin schon im Taxi gefragt. Gott, er war so ein Snob, hatte es mit einem aufgesetzten Lächeln abgehakt, als sie sagten, sie kämen aus Yoker. Jenseits der Gleise. Armut und Ann-Summers-Partys. Robbie Williams und sozialer Wohnungsbau.

„Nicht weit von hier“, sagte Shona.

Von nebenan ertönte Musik. Velvet Underground. Was hatte Alice vor? Diese Leute hatten doch garantiert noch nie von den Velvets gehört. Es würde sie abschrecken.

Doch dann fing Steve an mitzusingen.

I’m waiting for my man.“

Seltsamer Typ. Wahrscheinlich kannte er die Velvets aus seinen Junkiezeiten. Scheiße, Drogen. Also kein Tausch. Nur schauen, vielleicht ein bisschen anfassen. Er wollte sich ja nichts einfangen. Mann, war er nervös.

Shona ging in die Küche, und Steve blieb bei ihm. Beide standen im Türrahmen des Schlafzimmers und starrten hinein. Komisches Gefühl, Fremde bei sich zu haben. Fremde, die sich gleich ausziehen und auf deinem Bett vögeln würden. Wie konnte man überhaupt locker genug werden, um so was durchzuziehen? Wie schaffte man den Übergang von Smalltalk zu „Okay, jetzt zeigt uns mal, wie ihr fickt“? Wie diese schauerlichen Szenen in B-Movies, wo eine Handlungswende durch eine einzige Dialogzeile ausgelöst wird.

David betrachtete Steve, während Steve das Schlafzimmer betrachtete.

„Na, ich wette, das Bett hat schon einiges erlebt.“

„Wie man’s nimmt. Es ist neu, wir haben es erst letzte Woche aufgestellt. Von Habitat.“

„Aha, verstehe.“

Das Einzige, was er bei seinem tollen Plan nicht vorhergesehen hatte, war sein eigener innerer Widerstand. Diese geradezu spießerhafte Angst vor Fremden im eigenen Heim.

„Und deine Kleine?“, sagte Steve. „Worauf steht ’n die so?“

Meine Kleine?, dachte David. Meinst du meine Tochter? Ach Scheiße, nein, sorry. Betretenes Schweigen. Beide standen einfach nur da. Los, sag was. Irgendwas.

„Och, na ja ...“, sagte David und spürte, wie er rot wurde. Es ging ihm nicht darum, Zeit zu gewinnen, sondern er überlegte, welche Ausdrucksweise, welche Stufe von Glasgower Akzent angebracht war. „Mal dies, mal das. Ist eigentlich ziemlich offen für alles. Ich mein, kommt natürlich drauf an. Die Chemie muss passen, wie’s so schön heißt.“ Fieberhaft überlegte er, wie es weitergehen sollte. Wenn er doch bloß dieses dämliche Gequatsche abstellen könnte. Vielleicht sollte er den Kerl einfach bitten, sich auszuziehen. Oder ihn bitten, seine Partnerin zu bitten, sich auszuziehen. In den Pornofilmen rissen sich die Leute immer sofort die Kleider vom Leib, sobald die Tür zu war. Bitte, lieber Gott, setz diesem peinlichen Gefasel ein Ende. Was jetzt? „Und ihr habt auch ’ne Kleine? Äh, ich meine, ein kleines Mädchen. Wo, äh ... wo geht sie denn zur Schule?“ Scheiße. Was red ich denn für einen Schwachsinn?

Der Song von nebenan. Genau, das war’s. Rede mit ihm über die Musik. Wusstest du, dass die Vorlage für diesen Song der Roman Venus im Pelz von Sacher-Masoch war, dem österreichischen Schriftsteller aus dem neunzehnten Jahrhundert, dessen Namen der berühmte Psychologe Krafft-Ebing in der Bezeichnung Sadomasochismus verewigt hat, weil nämlich der Masochismus nach Sacher-Masoch benannt wurde, während der Begriff Sadismus, wie ja allgemein bekannt ist, auf den Marquis de ... Entschuldige, langweile ich dich? Nein, nein, nein, total daneben.

Aber der Kerl sang wieder mit.

I am tired, I am weary. I could sleep for a thousand years.”

David sah ihn verdutzt an. Stieß aus: “Willst du was trinken?” Der Typ hat einen Namen. Sprich ihn an. „Steve.“

„Klar, Mann. Hab mich schon gefragt, wann du damit rüberkommst.“

David ging mit Steve im Schlepptau in die Küche. Die Musik dröhnte. Die ganze Sache war unmöglich. Nichts weiter als eine lächerliche Fantasie, die peinlich wurde, wenn man versuchte, sie umzusetzen. Er stieß die Tür auf.

„Alice.“ Doch sie war nicht da. „Alice?“

Er machte wieder kehrt. Sie mussten an ihm vorbeigeschlichen sein, als er und Steve im Schlafzimmer standen. Sie konnten nur im weißen Zimmer sein.

Vorsichtig öffnete er die Tür.

Der nackte Dielenboden. Die Kartons. Der Rand des Gästebetts. Ein Schuh. Von Alice. Alice auf den Zehenspitzen, wie sie Shona küsste, gegen die Wand gelehnt.

Er stand im Türrahmen, Steve spähte über seine Schulter.

„Ich fass es nich“, flüsterte Steve.

Was jetzt. Sich räuspern? Hi, Mädels?

Er hatte das alles so gewollt, doch jetzt wollte er nur noch abhauen. Aber hinter ihm stand Steve. Die beiden Frauen merkten plötzlich, dass sie beobachtet wurden, hielten inne und fingen an zu kichern.

Bloß weg hier. Egal, unter welchem Vorwand. Genau − die Wohnungsschlüssel der Gordons.

Steve war in das Zimmer gegangen. Küsste Alice und Shona. Die beiden erwiderten seine Küsse. Alice sah zu ihm herüber, während Steve an ihrem Hals knabberte und Shona über ihre Brust strich. Was war das für ein Ausdruck auf ihrem Gesicht? Herausforderung? Zorn? Sagten ihre Augen „Verpiss dich“? Sagten sie „Verschwinde“? Oder „Sieh her, wie ich mich vögeln lasse. Das wolltest du doch. Jetzt zieh’s durch, oder hau ab“? Alice schloss die Augen, als die beiden, diese beiden Fremden, sie küssten und berührten.

„Entschuldigt“, sagte er, „ich ... äh ... ich muss nur mal kurz nach nebenan und nach der Post sehen.“

„Parkuhr, was, Mann?“

Die Frau lachte. Alice warf ihm erneut diesen Blick zu, aber er war schon draußen. Die Schlüssel in der Hand. Er rannte fast. Fingerte nervös an dem Bund herum. Wie war das noch? Der bronzefarbene Sicherheitsschlüssel − Haustür. Der silberfarbene − Wohnungstür. Ein Kellerschlüssel und noch drei andere.

Nachdem er sämtliche Varianten ausprobiert hatte, war er endlich drinnen. Ein paar Briefe, halb zerknautscht unter der Zugluftschiene. Nackter Holzboden, leere Räume. Minutenlang stand er nur da. Versuchte, wieder normal zu atmen. Die Wohnung war das exakte Spiegelbild ihrer eigenen. Alles seitenverkehrt. Er ging durch den Flur in das erste Schlafzimmer, dann in das zweite. Genau der gleiche Schnitt. Er wusste nicht, was er tun sollte. Lief ziellos umher. Doch dann wollte er sehen. Zurück in den Flur, durch die Tür, in die große Küche, die besser ausgestattet war als ihre. Er stellte sich neben das Fenster, traute sich nicht, hinauszusehen. Ein paar Sekunden, dann war die Versuchung stärker. Wenn er sich ganz flach an das Fenster drückte, konnte er sie vielleicht sehen.

Er musste sich zwingen. Es war nur ein Ausschnitt sichtbar, ein schmaler Spalt. Die weißen Wände. Der Rand des Gästebetts. Alice’ Schulter. Doch dann schien Alice sich vorzubeugen, hinauszublicken. Sie schob die Frau ins Sichtfeld, als wollte sie ein Bild für ihn aufbauen. Sie bedeutete dem Mann, näher zu kommen. Beide küssten sie, berührten ihre Brüste, ihren Hals, dann trat Alice zurück, sagte etwas, als ob sie ihnen Anweisungen gab. Sie stand da und sah zu, wie der Mann seiner Frau die Jeans auszog und seinen Reißverschluss öffnete.

Plötzlich blickte Alice auf. Über die Entfernung hinweg. Durch die Fenster. Direkt in seine Augen. Ein Lächeln auf ihrem Gesicht, wie ein Geheimnis. Sie beugte sich vor und berührte den Schwanz des Mannes. Rieb ihn mit ihrer Hand. Unwillkürlich griff David in seine Hose. Zog seinen Schwanz heraus, in einer fremden Küche. Sah zu Alice hinüber, die zu ihm herübersah. Sah zu, wie sie den Schwanz rieb, rieb dabei seinen eigenen. Wie eine außerkörperliche Erfahrung. Du siehst ihre Hand auf seinem Schwanz, du stellst dir vor, wie es sich anfühlt, während du es selbst fühlst. Wie eine Geschichte. Wie Alice’ Geschichten über die Nachbarn, die sie ihm erzählt hatte. Die Geschichte, zum Leben erweckt.

Der Mann war hart, er war hart. Der Mann drehte seine Partnerin herum, sie stützte sich auf dem Bett ab, und er begann sie von hinten zu ficken.

Ihre Augen. Alice im Hintergrund, die nicht einmal zuschaute, wie diese Leute in ihrem weißen Zimmer fickten, sondern nach draußen sah. Durch ihr Fenster, durch seines. Wie sie ihn ansah.

Das ist für dich, sagten ihre Augen. Sie schob die Hand in ihre Hose. Zwei Glasscheiben und ein fickendes Paar und zehn Meter Garten zwischen ihnen. Es fühlte sich richtig an. Diese Distanz, endlich anerkannt. Noch nie hatte er sich jemandem so nah gefühlt.

 

Cover Ewan Morrison "Swinger"Ewan Morrison: Swinger.
C. Bertelsmann 2008
ISBN 978-3-570-00982-6, € 19,95

 

 

 

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