Reggie Nadelson: Kalter Verrat
Das gleichmäßige Brummen des Motors über mir veränderte sich plötzlich. Ich setzte mich auf und blinzelte in die Sonne. Die kleine Sightseeing-Maschine, die ziemlich tief über Coney Island hinwegflog, begann zu stottern, und ich hielt in böser Vorahnung den Atem an. Neben mir lag mein Neffe Billy im Sand ausgestreckt, in der einen Hand ein Radio, in dem das Spiel der Yankees übertragen wurde, die Riesenfüße in den schwarzen Turnschuhen, natürlich mit offenen Schnürsenkeln, auf den leeren Pizzakarton von Totonno’s gestützt.
Die Maschine verschwand aus meinem Blickfeld, wahrscheinlich
versuchte sie, den kleinen Flugplatz in der Nähe zu erreichen, von
dem die Rundflüge
für Touristen starteten.
Es war Dienstag, ein relativ kühler Tag für Juli, und außer
uns waren nur wenige Leute, höchstens ein paar Dutzend, hier draußen
am Strand, um die Sonne zu genießen. Zwei alte Männer hockten auf
niedrigen grünen Klappstühlen und spielten Gin Rummy. Zwei Frauen
in Nicky-Trainingshosen und passenden Windjacken in Rosa und Blau, wahrscheinlich
ihre Ehefrauen, saßen daneben und lasen russische Zeitungen, die im Wind
raschelten. Eine pakistanische Familie machte ein Picknick; sie packten lauter übereinandergestapelte
Metallbehälter aus, unterhielten sich dabei auf Urdu – zumindest
nahm ich an, dass es Urdu war – und stellten sich wahrscheinlich vor,
sie wären an einem Strand in Karatschi. In Midwood, einem Bezirk von Brooklyn,
etwa drei Meilen von Coney Island entfernt, gab es eine große pakistanische
Gemeinde. Der Duft des Essens wehte herüber, und ich bekam Hunger.
Ein pummeliges junges Mädchen mit karottenrotem Haar joggte schwerfällig
am Wasser entlang. Ihre Beine kämpften sich durch den nassen Sand, während
zwei Jungen sie leichtfüßig überholten. Ein Stück weiter
hob eine neonblaue Meerjungfrau ihren bestickten blauen Fischschwanz hoch und
trippelte zur Uferpromenade hinauf. Das Flugzeug tauchte wieder auf. Sämtliche
Blicke wanderten zum Himmel. Niemand rührte sich. Der blaue Schwanz
der Meerjungfrau glitzerte im Sonnenlicht.
Alles schien sich wie in Zeitlupe abzuspielen, untermalt
von der Musik eines Ghettoblasters – „Dock of the Bay“ von Otis Redding, einer
meiner Lieblingssongs. Mir ging auf, dass die Meerjungfrau zu den Mädchen
gehören musste, die jedes Jahr in der Coney-Island-Mermaid-Parade mitliefen,
soweit man in dem Kostüm überhaupt laufen konnte.
Die Maschine schlingerte über den blauen Himmel, weg vom Strand und Richtung
Meer. Plötzlich sackte sie ab, und ich sah, dass einer der beiden Flügel
halb herabhing, wie bei einem verwundeten Insekt. Ich sprang auf, stolperte über
den Sand, fischte das Handy aus meiner Jeans und wählte den Notruf. Doch
es war zu spät. Das Flugzeug trudelte in einer langsamen Spirale nach
unten, dann packte die Schwerkraft zu, und es fiel wie ein Stein.
Durch das Seitenfenster konnte ich zwei Gesichter sehen,
die nach unten blickten. Vielleicht sahen sie das blaue Meer, das auf sie
zuraste, Russinnen mit Zeitungen in der Hand und einen Mann, der von Nathan’s herübergelaufen kam,
einen Hotdog mit einer Zickzacklinie aus Senf in der Hand. Ich fragte mich,
ob die Menschen in dem Flieger den Senf erkennen konnten, was sie wohl gerade
dachten, und ob ihnen überhaupt die Zeit blieb, irgendetwas zu denken.
Dann krachte die Maschine auf den Strand und zerbarst. Entsetzt rannten
die Leute davon, voller Angst vor einer Explosion, Rauch und Feuer.
Billy war ebenfalls aufgesprungen. Die Leute um uns herum
packten Handtücher
und Taschen, Spielzeug und Karten, Zeitungen, Stühle, Radios und Kühltaschen
und rannten zur Uferpromenade, dann blieben sie stehen, unsicher, was sie
tun sollten.
Sind das Terroristen?, hörte ich eine Frau ihren Mann fragen. Attentäter?
Der Ghettoblaster lief immer noch; jetzt sangen die Drifters „Up on the
Roof“.
Das silbrige Flugzeug lag ein paar hundert Meter entfernt
am Rand des Wassers, zerquetscht wie eine Coladose. Die Wellen schwappten
auf den Sand und spülten über
die Metallteile hinweg. Ich konnte die Umrisse der Passagiere erkennen, die
halb aus der Maschine geschleudert worden waren, darunter auch ein kleines Mädchen,
etwa drei Jahre alt. Es bewegte sich nicht.
„Ist es tot? Ist das kleine Mädchen tot?“ Billy starrte gebannt
zu dem Wrack hinüber.
„Lass uns gehen“, sagte ich zu Billy. „Komm
schon.“
Er rührte sich nicht.
Wir waren nach Coney Island rausgefahren, weil Billy gesagt
hatte, wenn er wieder in Brooklyn sei, wolle er als Erstes eine Pizza von
Totonno’s essen. Und
aufs Meer hinausschauen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Er
hatte die Hände in die Seiten gestemmt und das Gesicht zum Himmel gewandt,
als posiere er für eine Sonnenmilch-Werbung.
„Los jetzt.“
Rettungs- und Streifenwagen rasten mit heulenden Sirenen heran und fuhren auf den Strand. Sanitäter liefen auf das Wrack zu, zerrten die Passagiere heraus und verfrachteten sie in die Rettungswagen. Unter den Einsatzkräften war eine Beamtin in einer roten Jacke, die mir bekannt vorkam. Aus dem Wrack stieg Rauch auf. Ich ergriff Billys Hand, er warf sich den Rucksack über die Schulter, und wir liefen los.
Reggie
Nadelson: Kalter Verrat.
Piper 2009
ISBN 978-3-492-27142-4, € 12,00
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