Louisa Young: Alles worauf wir hofften


London, 1919. Der große Krieg ist vorbei, endlich kann Nadine ihren von den Kämpfen gezeichneten Riley heiraten. Doch Normalität scheint unmöglich. Erst ihre Hochzeitsreise durch das aufgewühlte Italien hilft Nadine und Riley, ihre Ehe auf Liebe zu gründen statt auf Abhängigkeit und Mitleid. Auf dem Landsitz Locke Hill wohnen Nadines Freunde Julia und Peter zwar in einem Haus zusammen, doch sie leben meilenweit voneinander entfernt. Seine Schuldgefühle den Gefallenen gegenüber und die Traumata des Krieges belasten die Ehe schwer. Und während Nadine und Riley der gesellschaftliche Aufstieg in der sich neu findenden Nachkriegswelt gelingt, können Peter und Julia keinen Frieden mit der Vergangenheit schließen. Erst auf einer gemeinsamen Reise nach Frankreich beginnen die Freunde sich einzugestehen, was sie in den Schlachten des Krieges verloren haben.

Roman

List (2016)

Originaltitel: The Heroes' Welcome

ISBN 978-3-471-35119-2

EUR 18,00




Leseprobe

London, März 1919
Riley Purefoy dachte nicht viel über den Krieg nach. Das brauchte er auch nicht. Er war Teil von ihm. Wenn andere davon sprachen ...

... aber das taten sie nicht – weder die anderen ehemaligen Soldaten, die zumeist sehr schnell erkannten, dass niemand hören wollte, was sie vielleicht zu sagen hatten, noch die Zivilisten, die sich ebenso schnell verdrückten, wie die Soldaten verstummten.

Ab und an tauchten unvermittelt Sätze oder Bildfetzen auf. Manchmal hatte er einen unidentifizierbaren Geschmack im Mund. Immer wieder das Bild ausgespuckter Stücke vergaster Lunge auf dem Boden eines Krankenwagens, das ihn für einen Moment zum Innehalten zwang. Auch anderthalb Jahre nachdem er vom Schlachtfeld getaumelt war, gab es Augenblicke, in denen ihn die Stille verwirrte wie der feste Boden die Beine eines Matrosen. Er hörte Peter Lockes Stimme, die sagte: „Dann haben Sie jetzt das Kommando, alter Knabe.“ Das vor allem klang in ihm nach, denn er wusste, so unwahrscheinlich es auch schien, es stimmte im Großen und Ganzen noch immer. Er hatte das Kommando.

Trotz seiner Versehrtheit war Riley gut ausgerüstet: Er war jung und kräftig und hatte einen klaren Blick. Und wenn er im Lauf der Monate doch einmal an den Krieg dachte, dann eher an einen künftigen Krieg und daran, wie man ihn verhindern könnte; an künftige Kinder und daran, wie man sie davor beschützen könnte; oder an das künftige Leben seiner versehrten Gefährten und daran, wie man es verbessern könnte. Er sah, wie die Leute ihn mitleidig und zweifelnd ansahen. Er registrierte das unwillkürliche leise (oder laute) Luftschnappen, das der Anblick seines entstellten Gesichts auslöste. Wenn ein Taxifahrer davonfuhr, weil er nicht verstand, was Riley sagte, bemühte Riley sich, Mitgefühl für die Verlegenheit des Mannes zu empfinden und nicht im Zorn über die immer wiederkehrende Demütigung unterzugehen.

Ihm war sehr wohl bewusst, dass die meisten Leute dachten, mit dem armen Kerl ist nicht viel anzufangen. Doch wenn die Tatsache, dass er in Stücke geschossen und wieder zusammengeflickt worden war, ihn eins gelehrt hatte, dann das: Tu, was du willst, und zwar jetzt.

Riley Purefoy und Nadine Waveney heirateten unter einer geradezu absurd schönen Woge von Blütenblättern, die über London niederging, einer Stadt, in der so lange Krieg geherrscht hatte, dass sie gar nicht wusste, was sie nun mit sich anfangen sollte. An der Wand des Standesamts hing ein Schild: „Konfetti werfen verboten“, doch der Blütenregen scherte sich nicht darum, fegte in flirrenden Wirbeln durch die Frühlingsluft und sammelte sich in zuckerbäckerrosigen Häufchen in den feuchten Rinnsteinen von Chelsea. Nadine, die nach wie vor so mager war, dass sie noch nicht wieder ihre Regel hatte, trug ein Unterhemd von Riley und darüber Julia Lockes vollkommen unmodisches Hochzeitskleid aus der Zeit vor dem Krieg, mit ein paar Abnähern versehen. Riley war in Uniform. Peter Locke, Rileys früherer Kommandeur, groß, galant und fast nüchtern, war der Trauzeuge, seine Cousine Rose, mit weißen Handschuhen, die Brautjungfer, und sein Sohn Tom, flachsblondes Symbol der Unschuld und Zukunft, trug das Kissen mit den Ringen. Sonst war niemand dabei. Julia, Toms Mutter, hatte im Garten von Locke Hill ein paar frühe weiße Fliederrispen gepflückt und sie Rose mitgegeben, war aber zu Hause geblieben. Es ging ihr nicht gut, oder vielleicht mochte sie sich auch nicht zeigen. Ihr Zusammenbruch lag erst wenige Monate zurück. Alles lag erst wenige Monate zurück.

Hinterher gingen sie in das Pub auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo Peter, wie sich herausstellte, zuvor zwei Flaschen feinsten Champagner deponiert hatte, über deren Herkunft er sich ausschwieg. Rose trug das dunkelgrüne Tweedkostüm, das sie auch bei der Hochzeit von Peter und Julia getragen hatte (was sie lieber für sich behielt), und gab zu, dass sie sich ein klein wenig ungezogen fühlte, als Frau in einem Pub zu sein. Es war eine schöne Zeremonie und ein glücklicher Tag. Alle Sorgen, die jemand von ihnen vielleicht haben mochte, wegen der Zukunft dieser Ehe, ihres überstürzten Beginns und der lädierten Seelen von Braut und Bräutigam, blieben unerwähnt. Niemand wollte irgendwen an irgendwas erinnern. Als ob irgendwer vergessen hätte.

Die Hochzeitsnacht sollten Braut und Bräutigam im Haus von Peters Mutter am Chester Square verbringen, dessen elegante Möbel und Lüster noch mit Schonbezügen verhängt waren, weil die alte Dame sich nicht traute, aus Schottland zurückzukommen.

Sie hatten sich nicht geküsst. Wie hätten sie das auch gekonnt? Während des langen, stillen Winters 1918/19 in Locke Hill hatten Nadine (so schreckhaft und empfindsam, mit kurzem Haar) und er (versehrt) lange Spaziergänge gemacht, Arm in Arm, ganze Tage aneinander geschmiegt auf dem Chintzsofa zugebracht und waren ein ums andere Mal überhaupt nicht zu Bett gegangen, weil sie nicht zusammen zu Bett gehen konnten, sich aber auch nicht trennen mochten. Sie hatten geruht, wie Blumenzwiebeln im Winter, und waren zu einer Art neuer Jungfräulichkeit zurückgekehrt, als hätten sie ihre stürmische Romanze während der Freiheit der Kriegsjahre nie ausgelebt.

Dass der Krieg vorbei war und von nun an alles anders sein würde, war die größte Wahrheit im Haus gewesen. Die nächste war, dass niemand – außer Rose – eine Vorstellung davon hatte, wie es weitergehen sollte. Doch eines hatte sich für Riley und Nadine sofort geändert: Die sexuelle Freizügigkeit, die die allgegenwärtige Gefahr des Sterbens ermöglicht hatte, hatte sich aufgelöst wie ein Mittsommernachtstraum. Ihre Rückkehr zur Keuschheit war ohne eigenes Zutun geschehen, ohne eine einzige Bemerkung zwischen ihnen. Zu dem Zeitpunkt war es ihnen beiden wie eine Form von Sicherheit erschienen, doch in ihrer Hochzeitsnacht wurde Riley sich der Situation quälend bewusst – und der Tatsache, dass er keine Ahnung hatte, wie seine frisch Angetraute darüber dachte. Er erinnerte sich an den Brief, den sie ihm 1915 geschickt hatte: „Riley, komm ja nicht noch einmal auf die Idee, mir nicht zu sagen, wie es dir ergeht ...“ Doch obwohl sie so eine Heilige war – oder vielmehr gerade weil sie eine Heilige war – fand er nicht die richtigen Worte.

[...]

Die Zimmer in dem Haus am Chester Square waren geschmackvoll und ruhig. Rose, die große, gute Rose, die ihn im Krankenhaus gepflegt hatte, hatte im Wohnzimmer eine Karaffe mit Whisky und ein kaltes Abendessen bereitgestellt.

„Wie wär’s mit einem Sandwich?“, sagte er zu Nadine. Ei und Kresse, dachte er. Die hat Rose extra gemacht, weil sie weich sind. Er wusste, dass sie es aus Rücksicht und Zuneigung getan hatte, aber in seiner Sehnsucht nach Normalität fühlte er sich wider besseres Wissen kontrolliert, gebrandmarkt ... Oh, aber es ist nicht Roses Freundlichkeit, die dich brandmarkt, Riley. Sondern deine Versehrtheit. Er war so dankbar. Er hatte es allmählich satt, dankbar zu sein. Aber er war es.

Nadine setzte sich auf die Ecke eines Sofas, dessen Schonbezug halb heruntergezogen war, und nahm sich eines der kleinen weißen Dreiecke. (...) Beide tranken einen Schluck Whisky und schwiegen. Er war unglaublich glücklich. Wie schön sie war! Mit ihren goldenen Augen und ihrem schiefen Lächeln. Aber –

Es ist unsere Hochzeitsnacht. Aber –

Er konnte – wollte – es nicht aussprechen. Welche Ironie! Wenn er ungehindert sprechen könnte, gäbe es gar nichts zu sagen! Wenn mein Mund normal wäre, bräuchte ich nichts zu sagen, ich könnte einfach ... handeln ... Er sah sie an, und in seiner Vorstellung wurde sein Blick zu einer Zärtlichkeit, einer Berührung, einer Einladung, einer Forderung ... Aber wie konnte er darauf Taten folgen lassen? Wie konnte sie darauf eingehen? Er wandte den Blick ab.

Nadine, die ebenso nervös war wie er, stand plötzlich auf, sagte fröhlich: „Nun!“, lächelte ihm zu und ging zur Tür. Er erhob sich ebenfalls und überlegte, ob er ihr folgen oder warten sollte. Er wusste es nicht. Er ging hinaus in die Eingangshalle, und als sie auf dem Treppenabsatz ankam, drehte sie sich zu ihm um und sagte forsch: „Es ist nicht wichtig, weißt du.“

Obwohl er sie so gut kannte, wusste er nicht, was sie damit meinte. Es ist nicht wichtig? Natürlich ist es wichtig, verdammt noch mal!
Sie ging weiter, verschwand mit schnellen Schritten im Schlafzimmer. Also folgte er ihr und blieb im Türrahmen stehen. Sie war hinter der Ecke, außer Sichtweite. Er vermutete, dass sie in ihr Nachthemd schlüpfte.

Dann war er im Bad und versuchte, seinen Mund zu reinigen, ohne verräterische Geräusche zu machen, und seine Gedanken überrollten ihn: Wir hätten darüber reden sollen. Ich hätte sie vorher küssen sollen. Ich hätte mich – sie – vorbereiten sollen ... Aber wie konnte er sie küssen? Er hatte es versucht, auf seinem eigenen Arm, wie ein unerfahrener Jüngling. Seine Lippen hatten darauf gelegen, schlaff, unfähig. Er konnte sie nicht küssen – weder ihren Mund noch ihre Brüste noch sonst irgendeinen Teil von ihr. Aber er konnte sich erinnern, wie er sie geküsst hatte. Es war Folter.

Als er wieder ins Zimmer kam, lag sie im Bett, und so zog er sich aus. Die anderen Male – davor, während des Krieges – hatten sie mit heißen Wangen gefingert und gelacht und gelodert und einander die Kleider vom Leib gezerrt: jenes erste Mal auf der Wiese; dann bei dem wundersamen Zwischenspiel in Victoria. Er hatte sie noch nie zuvor in einem Nachthemd im Bett liegen gesehen. Seine Frau. Bezaubernd und wohlbehalten. Ihr Haar war während des Winters ein wenig nachgewachsen; die wilden dunklen Locken begannen sich wieder zu ringeln. Sie hatte es gebürstet.

Sie lächelte ihn an – nervös? Er wollte sie nicht nervös machen.

Für ihn war ziemlich offensichtlich, dass sie ihn nicht wollte. So versehrt, wie er war. Wie hätte sie das auch können?