Jennifer Gooch Hummer: Der Sommer, als Chad ging und Daisy kam


Aprons Leben ist in Aufruhr: Sie versucht, über den Tod ihrer Mutter hinwegzukommen, die neue Partnerin ihres Vater ist bei ihnen eingezogen und ihre beste Freundin Rennie hat sie ausgerechnet jetzt fallen lassen. Apron wappnet sich für einen einsamen Sommer – aber dann lernt sie Mike kennen. Mike und sein Lebensgefährte Chad haben einen Blumenladen und bieten ihr einen Ferienjob an. Die beiden stehen ihr freundschaftlich zur Seite in Zeiten, in denen sich sonst niemand um sie kümmert; ihr Blumenladen wird für Apron zur Zuflucht und zu einem zweiten Zuhause. Doch Chad ist todkrank und Apron muss lernen, auf eigenen Füßen zu stehen …

Jugendbuch

Carlsen (2014)

Originaltitel: Girl Unmoored

ISBN 978-3-551-58317-8

EUR 17,90




Leseprobe

Jesus lief in Unterwäsche herum. Das war das Erste, was mir auffiel. Er hatte lange blonde Haare, die aussahen, als hätte er vergessen, die Spülung rauszuwaschen, und jedes Mal, wenn sie ihm ins Gesicht fielen, warf er sie mit einer schwungvollen Kopfbewegung zurück.

„Hey, Jesus ist echt sexy“, sagte Rennie mit ihrem Gummibärchen-Atem. Ich zog nur die Augenbrauen hoch. Von allen Seiten dröhnte Musik, und bunte Scheinwerfer blinkten. Ich sah zu, wie Rennies Wangen abwechselnd rot und lila leuchteten.

Auf dem Weg zum Theater, während Rennie zum tausendsten Mal Lipgloss nachlegte und Mr Perry am Steuer saß und Mrs Perry die Arme in die Luft warf und „Nicht so schnell, Bill!“ rief, hatte ich so getan, als wäre alles in Ordnung, aber in Wirklichkeit hatte ich mir gewünscht, wir würden den echten Jesus sehen. Jeder braucht ab und zu ein Wunder.

Aber als wir aus dem Auto stiegen und Mrs Perry uns die Eintrittskarten gab, hatte mich das wahre Leben wieder eingeholt. Jesus Christ Superstar – Das Musical stand darauf, klar und deutlich.

Jesus Christ Freak Show wäre passender gewesen, denn bis jetzt latschte er nur in seiner Unterwäsche um ein paar wütende Tänzer mit Riesenmähne und breiten Gürteln herum, die andauernd „Was ist los?“ sangen. Da waren ja sogar die schweißtriefenden Wunderheilungen, die Grandma Bramhall sich immer im Fernsehen anschaute, noch besser. Immerhin standen die Leute da hinterher aus ihrem Rollstuhl auf.

Ich legte die Füße auf die Lehne vor mir, um das Ganze nicht mehr sehen zu müssen. Unsere Plätze waren genau in der Mitte, und überall um uns herum saßen Leute mit bunt beleuchteten Gesichtern und folgten Jesus gebannt. Sogar die alte Dame, die auf der anderen Seite neben mir saß und nach Babypuder roch, tappte im Rhythmus mit dem Fuß. Sie hatte ein Pflaster auf dem Auge, hätte also auch ganz gut ein Wunder gebrauchen können. Und ihre Hand zitterte, aber ich wusste nicht, ob das an der Musik lag, oder ob ihr Arm falsch eingestöpselt war, so wie Grandma Bramhalls Hals.

Rennie runzelte die Stirn wegen meiner Füße und stieß mich in die Seite. Ich runzelte zurück und nahm sie wieder runter. Dann zog ich mein Armband unter dem Ärmel hervor und drehte es so, dass Holly Bramh. Nr. 08092 oben war und Maine Med unten. In dem Krankenhaus gab es noch 08091 andere Leute, die auch ein bisschen Hilfe gebrauchen konnten.

Nach ein paar weiteren Songs blieb Jesus plötzlich stehen. Dann drehte er sich um und verschwand von der Bühne. Ich hatte schon den einen Arm in der Jacke und wollte aufstehen, da gab es einen Knall, und das Licht wurde dunkler und die Musik düsterer. Von hinten trat jemand gegen meinen Sitz und sagte: „He, was soll das?“, also setzte ich mich wieder hin.

Als Nächstes traten zwei Typen mit schwarzem Umhang auf, die sangen, als wären ihre Batterien kurz vorm Ende. Ich versuchte wegzuhören, aber ihre Stimmen waren so tief, dass man eine Gänsehaut bekam. Selbst mit geschlossenen Augen konnte ich ihre Peitschen sehen. Die Musik wurde schneller, und lauter dunkel gekleidete Leute mit Kapuzen grabschten nach Jesus und bettelten ihn an. Er wollte ihnen helfen – das konnte man daran sehen, wie intensiv er ihre Stirn berührte –, aber er wusste, dass es ihm nicht gelingen würde. Trotzdem zerrten sie immer weiter an ihm herum. Als er schließlich kaum noch Luft bekam, stieß Jesus sie von sich und schrie: „Rettet euch selbst!“

Das half. Alle starrten ihn an.

„Den Tod besiegst du erst“, sang er langsam, als täte es ihm weh, „wenn du vergehst.“

So ein Blödsinn.

Ich sah mich um. Du kannst den Tod nicht besiegen, wenn du „vergehst“. Aber außer mir wirkte niemand irritiert, nicht mal Mrs Perry, die Informationen nur in kleinen Mengen verkraftet. Wenn sie überfordert ist, streicht sie mit der Hand über ihre Helmfrisur und sagt: „Jetzt habe ich den Faden verloren. Noch mal von vorn, bitte.“

Nach dem Lied sah Jesus ziemlich mitgenommen aus.

Maria brachte ihn dazu, sich mitten auf die Bühne zu legen. Dann fing sie an zu singen: „Alles wird gut sein, ja, alles wird gut ...“ und rieb ihm die Stirn mit irgendwas ein. Dabei hat Stirneinreiben noch nie irgendwas genützt. Fragt Laura Ingalls Wilder, wenn ihr mir nicht glaubt. Aber Maria tat es trotzdem und sang dabei, dass die Welt an diesem Abend auch ohne ihn zurechtkommen würde, denn es würde ja alles gut. Aber das stimmte nicht, denn selbst sein bester Freund Judas benahm sich ganz merkwürdig. Ich warf Rennie einen kurzen Blick zu, um zu sehen, ob sie dasselbe dachte wie ich, aber sie sah immer noch völlig verzückt aus und starrte mit großen Bambi-Augen nach vorn. Schließlich schlief Jesus ein, und Judas ging zu den Männern mit dem schwarzen Umhang und sagte ihnen, wo Jesus am Donnerstag sein würde.

Dann gingen die Lichter an.

„War’s das?“, fragte ich Rennie, die in ihrer Edelhandtasche aus Seide nach dem Lipgloss kramte. „Können wir jetzt gehen?“

„Jetzt ist Pause, Apron. Du hast echt keine Ahnung“, sagte sie kopfschüttelnd und stand auf. „Ich weiß überhaupt nicht, warum meine Mom dich mitgenommen hat.“

Aber ich wusste es. Ich war dabei, als Eeebs seiner Mom erklärte, lieber würde er sterben, als sich anzusehen, wie ein paar Schwuchteln auf der Bühne herumhüpften. „Außerdem“, sagte er, „ist an dem Tag der Ausflug mit der Schulmannschaft nach Funtown Splashtown“, was Mrs Perry natürlich vergessen hatte, als sie die vier Karten besorgte. Ich wusste so ziemlich alles über die Perrys. Also legte ich mein Programmheft auf den Sitz und schlängelte mich wie alle anderen nach draußen.
In den Gängen wurde es hektisch. Alle schoben und drängelten, und irgendwer trat von hinten auf meinen Flip-Flop.

Auf Eeebs’ Flip-Flop, um genau zu sein. Mrs Perry hatte sich dafür entschuldigt, aber sie waren die einzige Möglichkeit, denn Rennies Schuhe waren mir zu klein, Mrs Perrys waren zu elegant, und ich hatte vergessen, meine Ausgehschuhe mitzunehmen. Mrs Perry hatte gestern Abend extra noch mal angerufen, um mir das mit den schicken Sachen zu sagen, aber ich hatte nicht richtig zugehört, und das Ganze fiel mir erst wieder ein, als mein Dad mich bei den Perrys absetzte. Rennie verdrehte die Augen, als sie mich in meinen Sportsandalen sah, und erklärte mir, dass man einen Rock anzieht, wenn man ins Theater geht. Mrs Perry hatte einen scheußlichen gelben mit grünen Fröschen drauf, der mir passte, solange ich ihren rosafarbenen Gürtel mit Möwenmuster dazu trug, aber keine Schuhe. Und deshalb traten mir jetzt, während wir uns am Tresen anstellten, um uns was zum Naschen zu holen, gleich zwei Leute von hinten auf die Flip-Flops. Und als Rennie und ich endlich unsere Karamellbonbons hatten, nochmal zwei. Einer davon war Mrs Perry, aber ich hatte kein Geld dabei, und sie hatte mir zwei Dollar gegeben und gesagt: „Hier, Liebes, hol dir, was du magst“, also konnte ich sie schlecht anmaulen, weil sie mir fast die Zehen gebrochen hatte.

„Da ist Seth Chambers!“, flüsterte Rennie, sprang hinter mich und krallte sich in meine Schultern. Tatsächlich. Da war Seth Chambers. Er war zwar dumm wie Brot, aber er sah einfach klasse aus: blonde Haare, so lang, dass er sie hinters Ohr schieben konnte, und unglaublich schöne, weiße Zähne. Irgendetwas zog von innen an meinem Bauchnabel, als ich ihn sah, aber das würde ich Rennie nicht verraten. Sie hatte so oft Rennie Chambers in ihr Mathebuch gekritzelt, dass sie sich ein neues kaufen musste. „Meinst du, ich soll hingehen und mit ihm reden?“, fragte sie meinen Unterarm.
Ich wollte nein sagen, aber eins von den Bonbons hatte mir die Zähne zusammengeklebt. Also grunzte ich nur. Kurz darauf verschwand Seth, und Rennie ließ mich los, seufzte und schob sich noch ein Karamellbonbon in den Mund. Wenn ich Glück hatte, klebte es ihr ein für alle Mal die Zähne zusammen.

Dann flackerten die Lichter. In Maine bedeutete das normalerweise, dass ein Gewitter im Anzug war, aber im Theater bedeutete es, dass man an seinen Platz zurückgehen sollte. Wieder trat jemand auf meinen Flip-Flop, und diesmal riss einer von den Haltern an der Seite raus, so dass ich schlurfen musste. Als Mrs Perry sah, dass einer von Eeebs’ Schuhen kaputt war, sagte sie: „Nicht so schlimm, Liebes“, aber ihre wütende Miene sah genauso aus wie ihre fröhliche, deshalb wusste man nie so recht, was unter der Helmfrisur wirklich los war.

Die alte Dame war schon da, als ich mich hinsetzte. Ich hatte noch ein paar Karamellbonbons übrig, aber ich bot ihr keins davon an, weil sie dann nicht nur ein neues Auge, sondern auch noch neue Zähne brauchen würde. Mr und Mrs Perry setzten sich auch wieder hin. Sie hielten sich nie an den Händen. Und ich hatte auch noch nie gesehen, dass sie sich küssten. Früher habe ich meinen Dad oft dabei erwischt, wie er neben dem Kühlschrank meine Mom umarmte. Jetzt umarmt er da stattdessen M. M war früher Schwester Da Costa. Ich soll sie Margie nennen. Aber zu mehr als M kriegen sie mich nicht.

Mrs Perry beugte ihre Helmfrisur über Rennies Schoß und fragte: „Na, gefällt es euch beiden?“ Ich sagte: „Ja, danke“, aber Rennie meinte nur: „Krieg ich danach noch was Süßes?“

Als es im Saal wieder dunkel wurde, ließ ich mich so tief wie möglich in den Sitz rutschen und wappnete mich für die nächste Runde. Und dann wurde es richtig schlimm. Die Hippies tauchten wieder auf und tanzten, die mit den schlappen Batterien warnten alle Leute, und Jesus war noch trauriger und erschöpfter. Er tanzte nicht mehr und sang auch kaum noch, außer um zu sagen, dass er traurig und erschöpft war, obwohl er früher so viel Kraft gehabt hatte. Und dann stellte sich heraus, dass Maria falschlag und ich richtig, denn überhaupt nichts war gut, Judas war ein Verräter, und Jesus wurde zu irgendwelchen Königen gezerrt, und einer von ihnen schlug ihn mit der Peitsche. Dann starb Judas, und Jesus bekam noch mehr Prügel, und er bat die Leute nicht mal, damit aufzuhören, und als die Lachnummer vorbei war, schlugen sie Jesus ans Kreuz. Er warf den Kopf in den Nacken und stöhnte und fragte in einem einzigen langen Schrei, warum er verlassen worden war.

Da setzte ich mich auf.

Die Kapuzenleute grabschten wieder nach ihm, und dann wurde es plötzlich so still, dass man eine Stecknadel hätten fallen hören können, und Jesus war tot. Das merkte man daran, dass ihm die Haare ins Gesicht hingen und er sie nicht zurückwarf.
Dann war Schluss. Die Vorhänge rauschten zusammen, und alle klatschten und jubelten und standen auf. Der Lärm kam zu schnell. Ich blinzelte und versuchte aufzustehen, aber meine Füße gehorchten mir nicht.

„Jetzt mach schon, Standing Ovation“, sagte Rennie und zog mich hoch.

Die Hippies und die mit den schlappen Batterien verbeugten sich, und als Jesus auf die Bühne kam, lächelte er und winkte und warf die Haare zurück, und er sah überhaupt nicht mehr verlassen aus.

Nur wie ein Betrüger.

Mein Magen krampfte sich zusammen.

„Schneid dir die Haare!“, brüllte ich.

„Spinnst du, Apron? Was soll der Quatsch?“, sagte Rennie und starrte mich mit gerunzelter Stirn an.

„Findest du nicht, dass er ein bisschen zu sehr wie der echte aussieht? Er sollte den Leuten keine falsche Hoffnung machen.“

Rennie zog die Oberlippe hoch. Sie war nicht gerade die Hellste, aber das war nicht der Grund, weshalb sie es nicht verstand. Ich sah an ihr vorbei zu Mr und Mrs Perry. Wahrscheinlich wusste Rennie nicht mal, was verlassen überhaupt bedeutet. Woher auch.

Als ich wieder zur Bühne sah, war Jesus verschwunden.

Draußen in der Eingangshalle nahm Rennie ihre Mutter am Arm und sagte, sie müsse mal aufs Klo.

„Kann das nicht warten, bis wir zu Hause sind? Sieh dir mal die Schlange an“, sagte Mr Perry. „Bis du da durch bist, haben die die Tür abgeschlossen.“

Doch Mrs Perry warf ihm nur einen finsteren Blick zu und steuerte mit Rennie auf die Schlange zu. Irgendein Onkel von ihr war als Kind daran gestorben, dass er versucht hatte, sich das Pinkeln zu verkneifen. Er war mitten beim Thanksgiving-Essen innen drin geplatzt, weil er sich nicht getraut hatte, seinen Eltern was zu sagen. Das stand in ihrem Blick. Ich sah zu Mr Perry. Wenn sogar ich die Geschichte schon tausendmal gehört hatte, wie oft mochte er sie dann wohl schon gehört haben?
Doch er tat so, als erinnerte er sich nicht daran, drehte sich um und ging gegen den Strom der Leute, die auf den Ausgang zusteuerten, auf eine glänzende schwarze Wand zu. Ich folgte ihm schlurfend, wobei wir alle paar Schritte stehen bleiben mussten, um nicht irgendeine Familie auseinander zu reißen.

Wie sich herausstellte, war die Wand ein Wasserfall, der aus zwei kleinen Rohren kam, die aus dem Marmor ragten. Direkt darunter, wo es schön trocken blieb, stand in großen silbernen Buchstaben SPRAGUE THEATER.

Mr Perry setzte sich auf die Steinmauer, die in einem Winkel aus der Wand kam, so dass er das plätschernde Wasser im Rücken hatte. Ich setzte mich neben ihn. Auf der anderen Seite des Winkels versuchten zwei Mütter, die Langeweile aus ihren schreienden Babys zu wippen.

„Sieh zu, dass du Söhne kriegst“, seufzte Mr Perry. „Bei den Männern muss man nie anstehen.“

„Okay“, sagte ich, ohne eine Miene zu verziehen. Die Perrys gehörten zu den Leuten, die einen dauernd vor irgendwas warnten, das einem passieren konnte, wenn man älter war. Wahrscheinlich gibt es nicht viel anderes, worüber man nachdenken muss, wenn man ein für alle Mal mit dem Thema Hausaufgaben durch ist.

Danach schwiegen Mr Perry und ich, bis alle gegangen waren und es endlich still wurde. Ich lauschte auf das ungleichmäßige Plätschern hinter mir.

„Und, wie kommst du so klar, Apron?“ Er sah mich an.

„Ganz gut“, sagte ich und überlegte kurz, ob er meinen kaputten Schuh meinte. Doch dafür war sein Gesicht zu ernst. Ich wandte den Kopf ab und zuckte mit den Achseln. „Glaub ich.“

„Schon ein halbes Jahr. Dabei kommt es einem so vor, als wäre es gestern gewesen, nicht wahr?“ Noch so ein Blödsinn. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit.

„Nein, eigentlich nicht.“

Mr Perry schüttelte den Kopf über sich selbst. „Herrje. Natürlich nicht.“ Dann sah er mich mit Dackelblick an. „Es tut mir leid, Apron.“

 

Ein paar Nachzügler gingen an uns vorbei, und Mr Perry starrte auf seine Schuhe. „Apron, ich ...“ Er zögerte, und seine Stimme klang wie ein stotternder Motor. „Wir vermissen sie alle. Holly war eine sehr schöne Frau.“

„Wer ist schön?“

Rennie stand vor uns, die Arme vor der Brust verschränkt. Die wippenden Mütter waren nirgends mehr zu sehen.

„Da bist du ja“, sagte Mr Perry lächelnd, wischte sich die Hände an der Hose ab und stand auf

Rennie ließ die Arme sinken. „Mom und ich stehen schon ewig da draußen und warten.“

„Ups“, sagte er und hakte sich bei Rennie ein. Die beiden gingen Richtung Tür, ohne sich darum zu kümmern, ob ich mit meinem kaputten Flip-Flop hinterher kam.