Louisa Young: Die Sommer, die wir hatten


Italien, Anfang der dreißiger Jahre. Tom arbeitet als Korrespondent einer englischen Zeitung in Rom. Die Liebe zu seiner Kindheitsfreundin Nenna hat ihn erneut in das von Mussolini beherrschte Italien geführt. Aber die friedlichen Sommer ihrer Kindheit sind lange vorbei. Tom möchte Nenna und ihre Familie in Sicherheit wissen, sie nach London holen. Aber Nennas Vater vermag die Gefahr, die ihnen als Juden durch den Faschismus droht, nicht zu sehen - er ist begeistert von Mussolini. Wie weit kann Tom gehen, um seine Liebe zu retten?

Roman

List (2017)

Originaltitel: Devotion

ISBN 978-3-471-35151-2

EUR 18,00




Leseprobe

An diesem ersten Abend schrieb Nadine an Riley.

 

Isola Tiberina

Rom

17. Juli 1928

 

Riley, mein Liebster – so herum klingt es wie ein irisches Lied, findest Du nicht? Ich möchte Dir absolut alles über alles erzählen – die Reise (unkompliziert), das Haus – ja, sie wohnen wirklich auf der Insel, mitten im Tiber! Erinnerst Du Dich? Mit dem kleinen Krankenhaus und der Brücke mit dem viergesichtigen Kopf, von dem Du meintest, dass er ein gutes Symbol für die Fehlbarkeit des Menschen sei: Jedes Gesicht schaut in eine andere Richtung und begreift dabei nicht, dass sie alle zu ein und demselben Wesen gehören. Die Rückseite des Hauses geht direkt in Felsen und Wasser über, als stünde es in Venedig. Du brauchst nur aus dem Fenster zu sehen, und da ist der Fluss. SO romantisch! Und dazu die ganze Zeit das Rauschen. Und natürlich die Feuchtigkeit.

Aldo ist unglaublich gut aussehend und charismatisch – ich glaube, Du würdest ihn mögen, aber vielleicht auch nicht, weil er sehr viel Raum einnimmt. Er redet ununterbrochen, Englisch und Italienisch bunt durcheinander, so dass wir alle die die Sprache lernen – manche (die Kinder) schneller als andere (ich). Er ist irgendeine Art von Ingenieur und spielt Gitarre. Seine kleinen Jungen klettern ständig auf ihm herum, während er spielt, und es stört ihn überhaupt nicht. Er hat eine richtige Mähne und große, weise Augen wie brauner Honig. Heute Abend hat er gesagt: „Wie sehe ich aus? Meine Feinde sagen, ist Aldo mehr römisch oder jüdisch? Natürlich ich sehe aus wie beides“ – und das stimmt! Ich kann ihn mir genauso gut in einer Toga vorstellen wie in der Robe eines der marmornen Propheten von Bernini. Gott sei Dank scheinen sie alle nicht sehr religiös zu sein – kann man Gott für so etwas danken? Es klingt doch etwas absurd – wie auch immer, er trägt natürlich keine Robe, sondern etwas extravagante Stadtkleidung: schwarzer Anzug, weißes Hemd und eine hellblaue Weste, die bis zum Hals geknöpft ist. Sein Englisch ist ziemlich exzentrisch, aber ich habe natürlich kein Recht, mich zu beschweren, mit meinem (quasi nicht vorhandenen) Italienisch. Ich muss dauernd an den Satz von Milton über die Kindererziehung denken, wo er sagt „und sie erlernen zu jeder beliebigen Stunde mit Leichtigkeit die italienische Sprache“. Susanna, seine Frau, ist recht still, aber freundlich. Ich habe bisher kaum mit ihr gesprochen, aber das werde ich noch, obwohl sie so gut wie kein Englisch spricht –

 

Hier wollte Nadine eigentlich über das köstliche Essen schreiben, das Susanna und Aldo ihnen am ersten Abend serviert hatten. Selbst jetzt, nach all der Zeit – vielleicht weil sie weit weg von Zuhause und ihrem gemeinsamen Alltag war – hatte sie für einen Moment vergessen, wie herzlos es wäre, ihrem Mann, der seinen unbeschwerten Umgang mit Essen zusammen mit seinem Unterkiefer in Passchendaele verloren hatte, solche Dinge zu erzählen.

 

Ihre Kinder sind Fernanda, genannt Nenna, die wunderbares Haar hat und ein flächiges, blasses Gesicht wie ein Piero della Francesca, undurchschaubar – Tom und Kitty sind ganz versessen darauf, von ihr gemocht zu werden –, und zwei jüngere Söhne, die ich nicht auseinander halten kann – schwarzes Haar, schelmischer Blick und nichts als Unsinn im Kopf: Vittorio und Stefano. Beide sehen aus, als wären sie etwa sechs Jahre alt. Vielleicht ist der eine etwas größer als der andere. Nenna wird wohl ungefähr zehn sein, ein bisschen älter als Kitty und ein bisschen jünger als Tom, das passt also ganz gut, obwohl ich mich frage, was Tom den ganzen Tag machen will, denn die Mädchen sind schon zusammen nach oben verschwunden, und man hört sie singen. Das Wunderbare ist, dass die Piazza hier mehr oder weniger dasselbe ist wie der Park bei uns zu Hause, sie können also einfach rausgehen und spielen, ohne dass etwas passieren kann. Ich vermute, bis zum Ende der Woche sind sie alle zweisprachig. Die Leute kneifen Kitty in die Wange und nennen sie einen wunderschönen, gesegneten blonden Engel: Bella bambina bionda, un angelo, bellissima bionda beata.

 

Sie hielt einen Moment inne, und dann schrieb sie hastig:

 

Liebster, es tut mir leid, dass ich wieder davon anfange – vielleicht liegt es daran, dass ich hier bin, wo wir beide waren, als wir jung und verrückt waren und zum ersten Mal wirklich zusammengekommen sind – aber bitte sag mir noch mal, dass Du mich nicht hasst, weil ich Dir kein eigenes Kind schenken kann. Ich meine, ich weiß, dass Du mich nicht hasst, ich will damit einfach nur sagen, danke, dass Du meiner Enttäuschung nicht noch Deine hinzufügst. Vielleicht suche ich mir hier irgendeine Heilige der Fruchtbarkeit (es gibt bestimmt eine, wahrscheinlich sogar mehrere) und lasse mich von ihr segnen, oder ich bleibe einfach nur dankbar dafür, dass Tom und Kitty uns brauchten. Ach, das klingt jetzt auch schief – ich meine, dass wir da waren, als sie uns brauchten.

 

Sie hielt erneut inne und überlegte, ob sie den Absatz streichen sollte, aber dann würde sie noch mal ganz vorn beginnen müssen.

Nein. Er durfte ihr Gedankengänge kennen, wie fehlerhaft sie auch sein mochten. Eines Tages würde ihr Zyklus vielleicht wirklich ein Zyklus werden, und sie würde ein wenig zunehmen und ihr Körper würde „zur Ruhe kommen“, wie der letzte Arzt es ausgedrückt hatte.

Sie fuhr fort:

 

Ich schicke das jetzt ab und schreibe morgen ausführlicher. Wenn Du Rose siehst – und bitte sieh nach ihr, lade sie zu euch nach Hause zum Essen ein; sie arbeitet so hart, und ihr könnt in Ruhe über Politik und Soziales reden, ohne dass die Kinder maulen und dich am Ärmel zupfen –, sag ihr, ich schreibe ihr. Und sorg dafür, dass sie nicht zu oft nach Locke Hill fährt. Ich habe immer noch Angst, dass sie beschließt, Peter braucht sie. Wie geht es ihm übrigens? Meine Güte, siehst Du, jetzt fange ich auch schon an! Ich mache mir keine Sorgen um Peter oder um die gute Rose und auch nicht um meinen lieben Papa oder Dich. Wie geht es meinem lieben Papa? Wie geht es Dir, mein Liebster? Ich liebe Dich, ich vermisse Dich, und ich werde mich nach Kräften bemühen, mich zu Deinen Ehren und in Erinnerung an 1919 aus der Sixtinischen Kapelle werfen zu lassen –

Nadine

 

Es war eine Familienlegende, wie Riley sich 1919 während ihrer Flitterwochen in Rom in der Sixtinischen Kapelle auf den Boden gelegt hatte, um die fantastische Decke besser betrachten zu können, und fünfmal hinausgeworfen worden war. Vor langer Zeit hatte er Maler werden wollen, aber der Krieg hatte diese Idee im Keim erstickt. Wie sich herausstellte, war Nadine die Künstlerin.

Sie wünschte sich wirklich, er wäre bei ihnen. Aber so war es nun mal. Dass er nicht mit ihnen hier sein konnte, gehörte zu den Dingen, die sie beide nach neun Jahren Ehe mit einem Lächeln akzeptieren konnten. Sie konnte jetzt alle möglichen Dinge akzeptieren. Sie hatte Julias Tod akzeptiert – weil das nun mal nicht zu ändern ist. Und Rileys Verwundung – denn sieh dir an, wie er damit zurechtkommt –, obwohl sie nicht unbedingt das Wort „akzeptieren“ verwenden würde, um zu beschreiben, wie er damit umging. Aber seine pragmatische Art, seine tägliche Beharrlichkeit ... Ja, es gab Zeiten, da dachte sie nicht daran, und sie nahm an, er auch nicht. Und sie hatte akzeptiert, dass sie keine große Künstlerin war – denn ich bin eine Künstlerin, und überhaupt eine zu sein, ganz gleich welcher Art, und damit Geld zu verdienen, ist eine Freude und ein Abenteuer. Und für die Kinder von jemand anderem die Mutter zu sein, ebenfalls.

Dennoch wühlte Rom sie auf.