Graeme Macrae Burnet: Das Verschwinden der Adèle Bedeau


Keine Frage: Manfred Baumann ist ein Sonderling. Obwohl als Bankdirektor der elsässischen Gemeinde Saint-Louis in guter Stellung, tut sich der 36-jährige schwer im Umgang mit Menschen. Umso wichtiger sind für den eigenbrötlerischen Junggesellen seinen gewohnten Routinen: ein penibel geplanter Tagesablauf, die regelmäßigen Ausflüge nach Straßburg zu den leichten Mädchen von Madame Simone und die Besuche in seinem Stammlokal. Tag für Tag beobachtet er dort, meist schweigend, die blutjunge Kellnerin Adèle Bedeau. Bis sie eines Abends spurlos verschwindet. Manfreds Welt gerät ins Wanken, als Kommissar Georges Gorski die Ermittlungen im Fall Adèle Bedeau aufnimmt ...

Kriminalroman

Europa (2017)

Originaltitel: The Disappearance of Adèle Bedeau

ISBN 978-3-95890-125-4

EUR 17,90




Leseprobe

Es war ein Abend wie jeder andere im Restaurant de la Cloche. Hinter dem Tresen hatte sich Pasteur, der Besitzer, einen Pastis eingeschenkt – das Zeichen, dass die Küche nun geschlossen war und alle weiteren Tätigkeiten von seiner Frau Marie und der Kellnerin Adèle übernommen wurden. Es war neun Uhr.

Manfred Baumann stand an seinem Stammplatz an der Bar. Lemerre, Petit und Cloutier saßen um den Tisch bei der Tür, die Tageszeitung als unordentlicher Haufen zwischen ihnen. Außerdem befanden sich eine Karaffe Rotwein, drei Gläser, zwei Päckchen Zigaretten, ein Aschenbecher und Lemerres Lesebrille auf dem Tisch. Bis zum Ende des Abends würden sie zusammen drei Karaffen leeren. Pasteur schlug seine Zeitung auf dem Tresen auf und beugte sich, auf die Ellbogen gestützt, darüber. Auf seinem Kopf bildete sich eine kahle Stelle, die er zu verbergen suchte, indem er die Haare nach hinten kämmte. Marie war damit beschäftigt, das Besteck einzusortieren.

Adèle brachte den beiden letzten Speisegästen einen Kaffee und wischte die Wachsdecken der anderen Tische ab. Die Krümel ließ sie dabei auf den Boden fallen, da sie später fegen würde. Manfred beobachtete sie. Er stand nicht direkt an der Bar, sondern an der Schwingtür, durch die das Essen von der Küche hereingebracht wurde. Er musste ständig ausweichen, damit die Bedienung an ihm vorbeikam, aber niemand bat ihn je, sich anderswo hinzustellen. Von seinem Platz aus konnte er das ganze Restaurant überblicken, und Fremde hielten ihn oft für den Besitzer. 

Adèle trug einen kurzen schwarzen Rock und eine weiße Bluse. Um die Taille hatte sie eine kleine Schürze mit einer Tasche gebunden, in der sie ihren Notizblock aufbewahrte, um die Bestellungen aufzunehmen, und den Lappen, mit dem sie die Tische abwischte. Sie war dunkelhaarig und stämmig, mit ausladendem Hintern und großen, schweren Brüsten. Sie hatte üppige Lippen, olivfarbene Haut und braune Augen, deren Blick sie meist auf den Boden gerichtet hielt. Ihre Gesichtszüge waren zu schwer, um sie als hübsch zu bezeichnen, aber sie besaß eine erdige Anziehungskraft, die zweifellos durch die triste Umgebung um sie herum verstärkt wurde.

Als sie sich über die unbesetzten Tische beugte, drehte Manfred sich zum Tresen und beobachtete im Spiegel, der über der Bar hing, wie ihr Rock an den Oberschenkeln hinaufrutschte. Sie trug hautfarbene Nylons, darüber weiße Söckchen und schwarze Pumps. Die drei Männer am Tisch neben der Tür beobachteten sie ebenfalls, und Manfred nahm an, dass sie ähnliche Gedanken hegten wie er.

Adèle war neunzehn Jahre alt und arbeitete seit fünf oder sechs Monaten im Restaurant de la Cloche. Sie lächelte nie und sprach nur das Nötigste mit den Gästen, dennoch war Manfred sicher, dass sie deren Aufmerksamkeit genoss. Sie ließ stets die obersten Knöpfe ihrer Bluse offen, sodass man oft die Spitze ihres BHs sehen konnte. Wenn sie nicht angestarrt werden wollte, warum zog sie sich dann so aufreizend an?

Trotzdem wandte Manfred den Blick ab, als sie sich zur Bar umdrehte.

Pasteur war in einen Artikel im Mittelteil des L’Alsace vertieft. Es gab eine Krise im Libanon.

„Diese verfluchten Araber“, sagte Manfred.

Pasteur stieß nur ein kurzes Schnauben aus. Er hielt nichts von politischen Debatten an der Bar. Seine Aufgaben beschränkten sich darauf, Getränke auszuschenken und die Rechnungen einzutippen. Am Tisch zu bedienen, betrachtete er als unter seiner Würde. Diese Tätigkeiten sowie den Austausch von Freundlichkeiten überließ er Marie und Adèle oder den Aushilfen, die gelegentlich einsprangen. Manfred interessierte sich gar nicht sonderlich für die Lage im Nahen Osten; er hatte die Bemerkung nur gemacht, weil er annahm, dass sie Pasteur ebenfalls auf der Zunge gelegen hatte oder zumindest seine Zustimmung finden würde. Pasteurs Mundfaulheit kam Manfred durchaus gelegen. Die seltenen Male, wenn er etwas von sich gab, ging es meist daneben, und so war er froh, dass er sich nicht verpflichtet fühlen musste, ein Gespräch zu führen.

Am Tisch neben der Tür ließ sich Lemerre, ein Herrenfriseur, dessen Salon nicht weit vom Restaurant entfernt war, gerade über die Melkzyklen von Milchkühen aus. Er erklärte wortreich, dass der Ertrag ganz einfach gesteigert werden könne, indem man die Tiere in kürzeren Abständen melke. Cloutier, der auf einem Bauernhof aufgewachsen war, versuchte einzuwenden, dass ein solcher Gewinn unterm Strich mit dem früheren Tod der Kühe bezahlt werde, doch Lemerre schüttelte energisch den Kopf und schnitt seinem Gefährten mit einer Handbewegung das Wort ab.

„Ein weit verbreiteter Irrtum“, sagte er und fuhr mit seinem Vortrag fort. Cloutier starrte auf den Tisch und drehte sein Glas zwischen den Fingern. Lemerre war ein korpulenter Mann von Anfang fünfzig. Er trug einen bordeauxroten Pullover mit V-Ausschnitt und darunter ein schwarzes Polohemd. Die Hose hing unter seinem dicken Bauch, gehalten von einem schmalen Ledergürtel. Seine tiefschwarzen Haare, die, wie Manfred vermutete, gefärbt waren, hatte er nach hinten gekämmt, sodass die ausgeprägten Geheimratsecken zu sehen waren. Petit und Cloutier waren beide verheiratet, aber sie erwähnten ihre Frauen nur selten, und wenn, dann stets auf abwertende Art und Weise. Lemerre hatte nie geheiratet. „Ich halte nichts davon, Tiere im Haus zu halten“, lautete sein üblicher Kommentar dazu.

 Von außen betrachtet, war das Restaurant de la Cloche in Saint-Louis wenig ansprechend. Der blassgelbe Anstrich war fleckig und an mehreren Stellen abgeplatzt. Das Schild über dem Fenster hatte nichts Verlockendes, aber die zentrale Lage machte Werbung überflüssig. Das Restaurant lag an einer Ecke des Platzes, auf dem der Wochenmarkt der Stadt abgehalten wurde. Neben dem Eingang hing eine Tafel, auf der das Tagesmenü geschrieben stand, und darüber befand sich ein kleiner Balkon mit einem kunstvoll geschmiedeten Eisengitter. Der Balkon gehörte zu der Wohnung von Pasteur und seiner Frau. Innen war das Restaurant überraschend geräumig, aber schlicht eingerichtet. Zwei breite Säulen unterteilten den Raum und trennten den Speisebereich rechts der Tür formlos von den Tischen am Fenster, wo die Einheimischen sich tagsüber auf ein schnelles Glas Wein oder Bier niederließen oder den Abend damit zubrachten, etwas zu trinken und sich über den Inhalt der Tageszeitung auszutauschen. Der Speisebereich umfasste etwa fünfzehn wackelige Tische, die mit bunten Wachsdecken, Besteck und Wassergläsern eingedeckt waren. An der Wand hinter dem Tresen hing, halb verdeckt von einem Glasregal mit Likörflaschen, ein großer Spiegel mit einer Werbung für elsässisches Bier, deren Art-Déco-Schrift an einigen Stellen so abgeblättert war, dass man sie kaum noch lesen konnte. Dieser Spiegel sorgte dafür, dass der Raum größer wirkte, als er tatsächlich war. Außerdem gab er dem Restaurant einen Hauch verblichener Grandeur. Marie murrte oft, er sehe schäbig aus, doch Pasteur beharrte darauf, dass er dem Ganzen Charme verlieh. „Wir sind schließlich kein Pariser Bistro“, lautete seine Standarderwiderung auf jeden Verschönerungsvorschlag. Rechts neben dem Tresen waren die Türen zu den Toiletten, flankiert von zwei massigen dunklen Anrichten, in denen Geschirr, Gläser und Besteck aufbewahrt wurden. Die Anrichten standen bereits seit ewigen Zeiten dort; auf jeden Fall hatten sie schon lange bevor Pasteur das Restaurant übernommen hatte, zur Einrichtung gehört.

Manfred Baumann war sechsunddreißig Jahre alt. An diesem Abend trug er, wie an jedem anderen Abend auch, einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte, die er am Hals etwas gelockert hatte. Sein dunkles Haar war ordentlich geschnitten und zum Seitenscheitel gekämmt. Er war ein gut aussehender Mann, aber seine Augen huschten nervös umher, als versuche er, jeden Blickkontakt zu vermeiden. Infolgedessen fühlten sich die Leute in seiner Gesellschaft oft unwohl, was wiederum seine Unsicherheit verstärkte. Einmal im Monat, am Mittwochnachmittag, wenn die Bank geschlossen hatte, ging Manfred zu Lemerre, um sich die Haare schneiden zu lassen. Jedes Mal fragte Lemerre, wie er es haben wolle, und jedes Mal antwortete Manfred: „Wie immer.“ Während er Manfred die Haare schnitt, plauderte Lemerre über das Wetter oder unverfängliche Nachrichten aus der Zeitung, und wenn Manfred ging, verabschiedete er sich stets mit den Worten: „Bis Donnerstag.“

Doch keine drei Stunden später saß Lemerre mit Petit und Cloutier an seinem Tisch im Restaurant de la Cloche, und Manfred stand an seinem Stammplatz am Tresen. Sie begrüßten einander aber nur mit einem knappen Nicken, als wären sie Fremde, deren Blicke sich zufällig kreuzten. Donnerstags jedoch war Manfred eingeladen, mit den drei anderen Männern Bridge zu spielen. Manfred mochte Kartenspiele nicht besonders, und die Atmosphäre war immer angespannt. Er hatte den Eindruck, dass seine Anwesenheit am Tisch den anderen unangenehm war, doch wenn er die Einladung ablehnte, würde er sie damit vor den Kopf stoßen. Die Tradition hatte drei Jahre zuvor begonnen, nach dem Tod von Le Fèvre. Am Donnerstag nach der Beerdigung fehlte den dreien der vierte Mann, und so hatten sie Manfred gefragt, ob er mitspielen wolle. Ihm war klar, dass er lediglich die Lücke füllte, die durch den Tod ihres Freundes entstanden war, und Lemerres Abschiedsgruß „Bis Donnerstag“ machte deutlich, dass die Einladung sich nicht auf die übrigen Abende bezog.

Manfred bestellte sein letztes Glas Wein für den Abend. Hinter dem Tresen stand eine Flasche für ihn, und Pasteur schenkte den Rest in ein frisches Glas und stellte es ihm hin. Manfred trank immer die ganze Flasche, aber er bestellte glasweise. Dieses Arrangement bedeutete, dass er für seinen Wein doppelt so viel bezahlte, als wenn er einfach eine Flasche bestellte, aber aus Gewohnheit tat er es nie. Einmal hatte er ausgerechnet, wie viel er im Lauf eines Jahres sparen würde, wenn er seine Vorgehensweise änderte. Es war eine beträchtliche Summe gewesen, aber er war dennoch bei seiner Gewohnheit geblieben. Er sagte sich, dass es ordinär wäre, allein mit einer Flasche Wein an der Bar zu stehen. Das sähe so aus, als käme er mit der Absicht, sich zu betrinken, obgleich das die anderen Stammgäste des Restaurants gewiss nicht kümmern würde. Andererseits hatte Manfred das Gefühl, dass diese Gewohnheit möglicherweise dazu beitrug, Lemerre und seine Freunde gegen ihn einzunehmen, als würde er sich dadurch, dass er glasweise bestellte, über die drei Männer erheben, die sich Karaffen bringen ließen. Es vermittelte den Eindruck, als hielte er sich für etwas Besseres. Was er auch tat.

Pasteur kommentierte Manfreds Trinkgewohnheiten nie. Warum sollte er auch? Ihm war es egal, wenn Manfred doppelt so viel für seinen Wein bezahlen wollte.

Als die Zeiger der Uhr auf zehn vorrückten, wurden Adèles Bewegungen auf einmal munterer. Sie lief beinahe schwungvoll um die Tische herum und scherzte sogar mit den Männern neben der Tür. Lemerre machte eine Bemerkung, die offenbar zweideutig war, denn Adèle erhob mit gespielter Strenge den Zeigefinger, dann drehte sie sich um und ging mit schwingenden Hüften zurück zur Bar. Manfred hatte sie noch nie zuvor so kokett erlebt, dennoch senkte sie den Blick, als er zur Seite trat, damit sie durch die Schwingtür gehen konnte. Sie verschwand in der Küche und kam ein paar Minuten später wieder heraus. Sie trug noch denselben Rock wie zuvor, jetzt aber mit schwarzen Nylons und hochhackigen Schuhen, und die weiße Bluse hatte sie gegen ein enges schwarzes Top und eine Jeansjacke getauscht. Außerdem war sie mit Wimperntusche und Lippenstift geschminkt. Sie verabschiedete sich von Pasteur. Er sah hinauf zur Uhr und nickte ihr mürrisch zu. Adèle schien nicht zu bemerken, was ihre Verwandlung bei den verbliebenen Gästen auslöste, und verließ das Restaurant, ohne nach rechts oder links zu schauen. 

Manfred trank seinen letzten Schluck Wein und legte das Geld auf den Zinnteller mit der Rechnung, den Pasteur ihm kurz zuvor hingestellt hatte. Er sorgte stets dafür, dass er den Betrag passend dabei hatte. Wenn er mit einem größeren Schein bezahlen würde, müsste er warten, während Pasteur in seiner Börse nach dem Wechselgeld kramte, und ihm dann demonstrativ ein Trinkgeld geben.

Manfred zog seinen Mantel an, der am Garderobenständer neben der Toilettentür gehangen hatte, und ging, wobei er Lemerre und seinen Kumpanen kurz zunickte. Es war Anfang September, und eine erste herbstliche Kühle hing in der Luft. Die Straßen von Saint-Louis lagen verlassen da. Als er in die Rue de Mulhouse einbog, erblickte er Adèle etwa hundert Meter vor ihm. Sie ging langsam, und Manfred merkte, dass sich der Abstand zwischen ihnen verringerte. Er konnte ihre Absätze auf dem Pflaster klackern hören. Er verlangsamte seinen Schritt – schließlich konnte er ja nicht ohne irgendeinen Gruß an ihr vorbeigehen, und daraus würde sich womöglich ein Gespräch ergeben, bei dem er sich zweifellos unbeholfen anstellen würde. Vielleicht würde Adèle denken, dass er ihr gefolgt war. Oder vielleicht war ihr kokettes Verhalten im Restaurant in Wirklichkeit auf ihn gemünzt gewesen, und sie war absichtlich in diese Richtung gegangen, um eine Begegnung zu provozieren.

Doch ganz egal, wie langsam er ging, der Abstand zwischen ihnen verringerte sich weiter. Je näher er kam, desto langsamer schien Adèle zu werden. Schließlich blieb sie stehen, stützte sich mit der Hand an einem Laternenpfahl ab und zog den Knöchelriemen ihres Schuhs zurecht. Manfred war nur noch etwa zwanzig Meter hinter ihr. Er bückte sich und tat so, als müsse er seinen Schnürsenkel neu binden. Dabei hielt er den Kopf über sein Knie gesenkt und hoffte, dass Adèle ihn nicht erkennen würde. Er hörte, wie das Klackern ihrer Absätze leiser wurde. Als er aufblickte, war sie nicht mehr zu sehen. Entweder war sie abgebogen oder in einem der Häuser verschwunden.