Laila Rifaat: Aliya und der Laden der Zweiten Chance


In der Zitadelle steht das Ereignis des Jahres an: das legendäre Wettrennen mit fliegenden Teppichen durch die Zeit. Aliya ist schon ganz aufgeregt und fiebert mit ihren Freunden dem Start entgegen. Doch noch bevor das Turnier beginnen kann, verschwinden plötzlich alle Schlosser spurlos. Nur Aliya bleibt zurück, die doch gerade erst ihre Ausbildung begonnen hat. Jetzt liegt es an ihr, der letzten Schlosserin, die rätselhafte Energiequelle der Zeitreisewelt zu schützen. Auf die hat es Dorian Darke, ihr alter Widersacher, nämlich abgesehen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Aliya bleiben nur wenige Tage, um das Leben der Schlosser zu retten.

Die Suche nach den Vermissten führt Aliya und ihr Zeitreise-Team in gefährliche Parallelwelten, in denen sie sich Gegenspielern aus Vergangenheit und Zukunft stellen müssen, um dem finsteren Magier endlich das Handwerk zu legen.

Jugendbuch

Insel (2026)

Originaltitel: Aliya and the Shop of Second Chances

ISBN 978-3-458-64596-2

EUR 18,00




Leseprobe

1

 

Pannen und Portale

 

Aliya Sultan streckte zitternd die Hände aus und holte tief Luft. Sie spürte, wie ihre Handflächen sich erwärmten, und sah, wie sie in Blau, Silber und Purpur zu leuchten begannen. Vorsichtig schob sie den schweren Zeitreiseschlüssel in das Schloss der Holztür, die mitten im Raum vor ihr stand. Doch als sie ihn drehen wollte, zögerte sie.

„Nur zu“, sagte Professor Nigm, ihr Mentor, der neben ihr stand. Seine Stimme war so sanft wie der Rauch aus seiner silbernen Pfeife. „Konzentrier dich und tu es, bevor Simi ungeduldig wird.“

Aliya blickte auf den Schlüssel, der in denselben Farben leuchtete wie ihre Handflächen.

Simi. Sie war nicht nur ein Zeitreiseschlüssel, sondern auch ihr Nadim. In ihrer jetzigen Gestalt war sie das Werkzeug, mit dessen Hilfe Aliya Portale öffnen und sogar erschaffen konnte. In ihrer anderen Form, als wunderschöner Wiedehopf, war sie Aliyas Gefährtin. Alle Zeitreisenden besaßen Schlüssel, aber nur Schlosser wie Aliya hatten solche besonderen Exemplare.

Aliya knurrte der Magen, und sie merkte, dass sie Simi ein wenig zu fest hielt.

Entspann dich, sagte sie sich. Schließlich bist du ja noch in der Ausbildung. Es ist in Ordnung, Fehler zu machen. Das haben die anderen am Anfang auch getan.

„Die anderen“ waren die älteren und erfahreneren Schlosserlehrlinge, die Aliya in ihren schicken Uniformen draußen an der Werkstatt vorbeigehen sah. Sie beschloss, einfach zu warten, bis sie außer Sichtweite waren. Doch jetzt blieben sie stehen, um ihr zuzuschauen! Warum hat die Schmiede bloß überall so große Fenster?

Der Schlüssel zuckte in ihrer Hand. Simi wurde ungeduldig. Gleich würde sie sich wieder in einen Vogel verwandeln, durch die Luft fliegen und Aliya mit leuchtenden Klecksen versehen, wie sie es aus Rache jedes Mal tat, wenn Aliya sie zu fest anfasste.

„Beachte sie gar nicht“, sagte Professor Nigm und deutete mit seinem Pfeifenstiel auf die älteren Schüler. „Du hast genauso das Recht, hier zu sein, wie sie.“

Unsicher sah sie zu ihm hoch. Sie war zwar seit einem Jahr sein Lehrling, aber besonders nahe standen sie sich nicht. Dafür war Professor Nigm viel zu Respekt einflößend. Doch sie vertraute ihm. Sein strenges Gesicht mit der Adlernase und sein weißer Turban, der sie an eine Zwiebel erinnerte, hatten etwas Beruhigendes. Er zog an seiner schmalen silbernen Pfeife – die war sein Nadim – und blies eine helllila Rauchwolke in ihre Richtung. Lavendel. Um ihre Nerven zu beruhigen.

Aliya versuchte, die hämisch grinsenden Gesichter hinter der Glasscheibe zu ignorieren. Erneut hob sie die Hände und spürte, wie Simi sich erwartungsvoll rührte. Obwohl sie bereits im zweiten Schuljahr der Zeitreiseakademie war, war sie noch immer die Jüngste unter den Schlosserlehrlingen. Da die Schmiede nicht jedes Jahr neue Lehrlinge aufnahm, waren die anderen alle älter und erfahrener, was sie auch immer wieder zu spüren bekam.

Jetzt dreh den Schlüssel langsam, ermahnte sie sich. Und denk an den Übungsraum in Casablanca. Sie stellte sich den roten Samtsessel vor, der in einer ganz ähnlichen Schmiedewerkstatt in Marokko stand. Diesen Raum nahmen die Schlosserlehrlinge als Ziel, um ihre ersten Portale zu öffnen. Der rote Sessel war ein gutes Merkmal, auf das sie ihre Energie konzentrieren konnten.

Aliya drehte ihren Schlüssel. Unter der Tür und im Schlüsselloch begann ein sanftes Licht zu pulsieren, das Zeichen, dass das Portal aktiv war. Mit angehaltenem Atem öffnete sie die Tür ... 

... doch das war nicht die Werkstatt in Casablanca. Erschrocken stellte sie fest, dass sie bei Onkel Hamdy gelandet war, dem stämmigen Ägypter, dem der kleine Lebensmittelladen an der Ecke ihrer alten Straße in Kairo gehörte. Hamdy saß da, das Teeglas halb zum Mund gehoben, und starrte sie verdutzt an. So lange sie denken konnte, hatten Aliya und Geddo jeden Freitag ihr Kuschari bei Onkel Hamdy geholt. Die Mischung aus Reis, Linsen und Makkaroni mit scharfer roter Soße und kross gebratenen Zwiebeln war eins ihrer Lieblingsgerichte.

Ein kurzer Blick in die Runde verriet Aliya, dass ihr Portal auf seiner Seite ein Kühlschrank war. Was auch immer Onkel Hamdy darüber dachte, dass sie in seinem Kühlschrank aufgetaucht war, wurde rasch von dem Lotusspray ausgelöscht, das Professor Nigm ihm mit geübter Hand ins Gesicht sprühte. Ein Stoß davon genügte, um Hamdy vergessen zu lassen, dass er sie gesehen hatte.

Nigm nahm Simi aus Aliyas Hand, drehte den Schlüssel wieder zurück, und das Portal schloss sich. Draußen vor dem Werkstattfenster alberten die älteren Lehrlinge herum. Lachten sie etwa über sie? Aliya war sich nicht sicher. Sie stellte sich vor, wie Onkel Hamdy überrascht blinzelte und überlegte, was eigentlich gerade passiert war.

Hinter ihnen ging die Tür auf, und ein älterer Schüler kam mit einem Tablet hereingeeilt.

„Tut mir wirklich leid“, sagte Aliya rasch, um einer Unterbrechung zuvorzukommen. „Kann ich es noch mal versuchen?“

Doch Nigm hatte sich bereits dem Schüler zugewandt, einem hochgewachsenen jungen Mamluken namens Omar Sadik.

„Eine Nachricht, Professor.“ Omar reichte Nigm das Tablet. „Es ist dringend.“

Der Professor blickte auf den Bildschirm, und seine Miene verdüsterte sich.

„Was ist?“, fragte Aliya. „Ist etwas passiert?“

„Wir machen nächstes Mal weiter“, murmelte Nigm geistesabwesend. Aliya schaute erwartungsvoll auf das Tablet, in der Hoffnung, dass er ihr sagen würde, was los war. Aber natürlich tat er das nicht. Er war klug und auf seine Weise durchaus nett, und wahrscheinlich hatte er sie sogar ganz gern, aber sie war nur eine der zahllosen Verantwortlichkeiten, die er als Leitender Schlosser hatte.

„Ich muss los.“ Er sah sie an. „Vielleicht solltest du vor unserer nächsten Stunde frühstücken?“

„Autsch!“ Omar grinste. „Hat dein Magen etwa geknurrt?“

Aliya spürte, wie sie rot wurde. Sie hatte an diesem Morgen zwei Portale geöffnet, beide zu Straßenimbissen, weil sie hungrig war. Doch damit nicht genug. Mittlerweile lästerte schon die halbe Schmiede über ihre Portal-Blamagen. Letzte Woche hatte sie erst ein Portal in die Damentoilette der Hauptreisezentrale geöffnet (weil sie mal musste) und dann eins mitten in den Angriff der Mongolen auf Bagdad (weil sie das gerade in Geschichte durchnahmen). Vor allem Letzteres war ein übler Patzer gewesen. Portalöffnungen in andere Zeiten mussten immer an diskreten Orten stattfinden, in abgelegenen Lagerräumen oder staubigen Kellern verfallener Gebäude, damit die Reisenden sich unbemerkt in die andere Zeit schleichen konnten. Zur Strafe hatte sie eine Woche lang Polierdienst im Schlüsselhort geschoben, wo sie von einem Grump herumkommandiert worden war – einem kleinen, hamsterartigen Wesen, das sich ungeheuer wichtig nahm.

Zum Glück konnten ihre Fehler nie gefährlich werden. Professor Nigm aktivierte immer den Schutzschild, eine Sicherheitsvorkehrung, die dafür sorgte, dass nichts und niemand durch das Portal in die Schmiede gelangte.

„Schließ dich doch für den Rest der Stunde den anderen an“, schlug Professor Nigm vor. Ein schmaler Rauchfaden, nun dunkelblau, schlang sich kurz um ihre Schultern und löste sich dann auf. Nigms Art, sich zu verabschieden.

„Yallah“, sagte Omar, als Aliya keinerlei Anstalten machte, mit ihnen die Werkstatt zu verlassen. „Du weißt doch, dass du nicht allein hier drin sein darfst.“

„Klar weiß ich das“, gab sie zurück. „Ich hole nur noch meine Sachen.“

„Wir sind im Teppichhort.“

Omar warf ihr einen amüsierten Blick zu, dann wandte er sich um und folgte Nigm zum Ausgang.

Aliya erwiderte sein Schmunzeln mit einer Grimasse. Sie war die Jüngste, das Maskottchen, die Lachnummer ... 

Aliya ging zum anderen Ende der Werkstatt, wo ihr Ranzen auf einem Tisch lag. Simi hatte sich wieder in einen Wiedehopf verwandelt und flog, die schimmernde Haube aufgestellt, Kreise unter der Decke. Aliya blickte zu ihr hoch. Ihr Nadim war schon ein seltsames Wesen, vielleicht weil sie ihn aus dem gefährlichsten Zeitreiseschlüssel des Infinitums genommen hatte. Simi war einst Teil des Darklings gewesen – des Schlüssels, der dem Zauberer Dorian Darke gehörte. Sie war der Kern aus Sublimenenergie gewesen, der das Auge des schlangenförmigen Schlüssels bildete. Doch dann hatte Aliya den Kern herausgenommen und Simi damit von Dorians Magie befreit, und so hatte sie schließlich ihre jetzige Gestalt angenommen und war zu Aliyas Gefährtin geworden.

Ja, sie waren Gefährtinnen. Dennoch war Aliya in Simis Gegenwart oft ratlos. Im vergangenen Jahr hatte Simi sie ganz schön in Atem gehalten mit ihren vielen Verwandlungen, ihrem flegelhaften Verhalten und der Angewohnheit, ständig in Flammen aufzugehen. Und nun schien sie nach einer Phase der Ruhe erneut rastlos zu werden. An manchen Tagen hockte sie stundenlang träge in der Ecke, ohne sich für die Dinge zu interessieren, die sie lernen sollten, zum Beispiel wie man Zeitreisegeräte belebte oder Portale öffnete. Dann wieder benahm sie sich zappelig und unberechenbar, flog ziellos herum und stieß ihre schrillen Rufe aus, die einem schier das Trommelfell zerfetzten. Auf jeden Fall war sie ganz anders als die Nadims der anderen Lehrlinge – lauter zuverlässige Wesen, die brav taten, was die Schlosser von ihnen verlangten. Celeste Clocks hatte einen Lemuren, der sich wie eine Stola um ihre Schultern legte und friedlich schlief, wenn sie nicht arbeitete, und Zeina Zaman einen Füllhalter, der Nachrichten in die Luft schreiben konnte. Sie waren nützliche, ruhige und verlässliche Werkzeuge, während ihrer ... Manchmal kam es Aliya so vor, als wäre Simi gar kein Nadim, sondern ein launisches Wesen mit eigenem Kopf.

Mit einem Mal fiel ihr auf, dass die Tür, die sie für die Portalübungen benutzten, einen Spalt offen stand. Hatte Nigm sie nicht richtig geschlossen? Als sie darauf zuging, kam Simi herbeigeflogen und landete auf ihrer Schulter. Dann sprang sie plötzlich vor und pickte mit ihrem schimmernden Schnabel am Schloss herum. Unter der Tür erschien ein pulsierendes Licht.

„Was machst du denn da?“, rief Aliya aus.

Rasch schaute sie über die Schulter zum Fenster und dem Gang dahinter. Lehrlinge durften ohne die Aufsicht eines zugelassenen Schlossers keine Portale öffnen, und alles, was Simi tat, würde man ihr vorwerfen. Schlosser und ihre Nadims lebten in einer Symbiose, wie eine Seele, die auf zwei Körper verteilt war.

Aliya beschloss, einen kurzen Blick zu riskieren. Dank des Schutzschilds konnte ihr ja nichts passieren.

Im ersten Moment war hinter der Öffnung nur Schwärze zu sehen, eine ungewöhnliche Farbe für ein Portal. 

Aliya zögerte. Sie versuchte, Simi, die um ihren Kopf herumflatterte, zu greifen, damit sie sich wieder in einen Schlüssel verwandelte, mit dem sie das Portal schließen konnten, aber Simi sträubte sich. Normalerweise musste Aliya nur über ihre Haube streichen, um die Verwandlung auszulösen, doch anstatt zu gehorchen, krähte Simi aufgeregt und starrte immerzu auf das schwarze Portal. Aber sie mussten diese unerlaubte Öffnung so schnell wie möglich schließen, bevor jemand sie erwischte.

„Komm schon, Simi!“ Aliya versuchte erneut, ihre Gefährtin zur Verwandlung zu bewegen. Ohne Simis Hilfe würde sie das Portal nicht schließen können. 

Etwas bewegte sich in der Finsternis, etwas Glitzerndes. Zuerst dachte Aliya, es wäre Wasser, doch dann begriff sie, was sie da sah. Es waren Schuppen – die Schuppen einer riesigen schwarzen Schlange.

Sie fuhr zurück, als der mächtige Kopf zu ihr herumschwang. Die Schlange neigte ihn ein wenig zur Seite, sodass Aliya die leere Höhle sehen konnte, in der einst das Auge gesessen hatte – die Stelle, aus der Simi stammte.

Der Darkling.

Entsetzt beobachtete Aliya, wie die Schlange versuchte, durch den Türspalt zu gelangen. Zum Glück ist der Schutzschild noch aktiviert. Mit zitternden Händen fing sie Simi und drückte ihr die Flügel an den Körper. Was war denn nur los mit ihr?

Der Darkling bewegte sich hin und her und ließ seine gespaltene Zunge hervorschnellen, stieß jedoch gegen den Schutzschild. Dahinter konnte Aliya vage einen Laden erkennen. Es war der Laden der Zweiten Chance, der Hort von Dorians Magie.

„Verwandle dich.“ Aliya versetzte Simi einen Klaps auf die Haube.

Endlich gehorchte Simi und nahm die Gestalt eines Schlüssels an. Aliya spürte, wie ihre Handflächen zu glühen begannen, als sie ihn in die Öffnung steckte und umdrehte. Das Portal schloss sich.

Mit einem Stoßseufzer sank Aliya in die Hocke. Ihr schwirrte der Kopf. Hatte sie – oder vielmehr Simi – gerade ein Portal zum Laden der Zweiten Chance geöffnet? Wie konnte das sein? Es war doch eigentlich gar nicht möglich!