Der zwölfjährige Pierce und seine Freunde Bennie und Thomas verbringen ihre Ferien damit, den im Hafen ankommenden Fischern beim Sortieren ihres Fangs zu helfen. Bis sie erfahren, dass ein Mädchen vermisst wird - ausgerechnet Anna, die in geheimer Verbundenheit zu Pierce stand und als Einzige von seiner Angst vor dem offenen Wasser wusste, die ihn quält, seit sein Vater auf See verschwunden ist. Zusammen mit Bennies New Yorker Cousine Emily setzen die Freunde alles daran, Anna zu finden, und erleben einen Sommer voller Abenteuer, Abschiede und Neuanfänge.
Roman
Mare (2026)
Originaltitel: Closer By Sea
ISBN 978-3-86648-720-8
EUR 24,00
Leseprobe
Menschen können wirklich spurlos verschwinden. Ich war erst neun, als ich erfuhr, dass mein Vater Luke Jacobs nie wieder nach Hause kommen würde. Das war im Sommer 1988. Mein Onkel fand seinen Dreißig-Fuß-Kutter, der ein paar Meilen vor Perigo Island – unserer Insel – an der Nordostküste von Neufundland im Meer trieb. Mein Vater war nicht an Bord.
Viele glaubten, dass er in einem bestimmten Fischgrund verschwunden war, dem sogenannten Sattel, wo der Meeresgrund abrupt um gut hundert Meter abfiel. Es war ein schwer zu navigierender Bereich, denn er lag zwischen zwei großen Felsgruppen und war berüchtigt für seine Kaventsmänner, die aus der Dünung in Kombination mit den schnellen Strömungen entstanden. Solche Wellen konnten mir nichts, dir nichts Schiffe versenken.
Die Küstenwache leitete eine Suche ein, an der sich fast alle Boote der Insel beteiligten, doch nach zwei Tagen wurde sie eingestellt. Achtundvierzig Stunden Suche nach einem Leben. Sein Leichnam wurde nie gefunden. Es ist eine tragische Geschichte, die denjenigen, die vom Meer leben, nur allzu vertraut ist. Der kalte Nordatlantik hatte sich wieder eine Seele geholt.
Sehr lange konnte ich nicht glauben, dass mein Vater tot war. Er war ein erfahrener Fischer aus einer langen Reihe von Fischern, und an dem Tag hatte es keinen Sturm oder auch nur raue See gegeben. Und das Holzboot, das jetzt in unserem Garten lag, wies keinerlei Schäden auf. Es hatte schon gut zehn Jahre auf dem Buckel gehabt, als Dad es kaufte, aber es war hervorragend gebaut, ein Zeugnis der jahrhundertealten Bootsbauertradition unserer Insel.
Es bestand aus Fichten- und Wacholderholz und war so gebaut, dass es sich seitlich so weit zum Wasser neigte, dass man schwere Kabeljaureusen mühelos an Bord ziehen konnte. Es hatte ein kleines Motorhaus mit einem kraftvollen Ein-Zylinder-Motor, der den Propeller am Heck antrieb. Und obwohl es für den Reusenfang mit drei oder vier Mann an Bord gedacht war, fischte mein Vater am liebsten mit der Handleine, im Frühsommer mit Lodde als Köder am Haken, später dann Tintenfisch. Was bedeutete, dass er auch allein rausfahren konnte.
Nach dem Ende der offiziellen Aktion suchten mein Onkel Donny und ein paar andere Fischer noch zwei weitere Tage, doch vergeblich. Kurz darauf wurde in unserer Kirche ein Gedenkgottesdienst für meinen Vater abgehalten. Die kleine Holzkirche war bis auf den letzten Stehplatz besetzt, als die Gemeinde von ihm Abschied nahm. Da ohne Leichnam keine Beisetzung stattfinden konnte, ließ meine Mutter einen kleinen, flachen Stein in die Familiengrabstätte legen. Damals verstand ich nicht, warum sie das tat, denn für mich bedeutete vermisst nicht dasselbe wie tot. Vielleicht hatte mein Vater sich auf eine der kleineren Inseln in der Nähe gerettet, oder sogar auf eine der Felsgruppen, wo Lummen, Tölpel und Papageitaucher nisteten.
Nach dem Gottesdienst beschloss ich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Es war Sonntag; keines der Boote würde auslaufen. Ich packte mir ein Proviantpaket aus den Keksen, Aufläufen und Sandwiches, die uns Nachbarn und Freunde im Lauf der Woche gebracht hatten. In schweren Zeiten konzentrierten sich die Leute immer auf die Küche. Essen als Beileidsbekundung.
Ich wartete, bis die letzten Gäste gegangen waren und meine Mutter sich erschöpft hingelegt hatte. Dann nahm ich meinen Rucksack und verließ das Haus.
Die Spätnachmittagssonne spähte zwischen den dicken Wolken hindurch, als ich die gewundene Straße zum Hafen hinunterging. Ich hielt mich am Geländer fest, dem einzigen Schutz zwischen mir und der zerklüfteten Felsküste. Es war eine schmale Straße, und Autofahrer konnten auf keinen Zentimeter verzichten, wenn sie ihren Wagen dort entlang manövrierten. Vom Meer wehte ein kalter Wind herüber, der meine Lunge mit salziger Luft füllte, wie er es seit meinem ersten Atemzug getan hatte. Es war eigenartig still, und ich begegnete niemandem. Selbst die Möwen waren aufs Meer hinausgeflogen, da es heute an der Fischfabrik nichts zu holen gab.
Ich bog auf den Schotterweg ab, der steil nach unten zum Anleger führte, und ging zu der kleinen Fischerhütte am südlichen Ende des Hafens, wo Onkel Donny immer sein Schnellboot festmachte. Mit ihm und meinem Vater hatte ich öfter ein paar Runden gedreht, zugesehen, wie sie den Motor starteten und das Boot durch die Meerenge steuerten. Ein paarmal hatten sie mich sogar an die Pinne gelassen. Ich war also ziemlich sicher, dass ich das Ganze auch ohne sie schaffen würde. Sobald ich die Bucht hinter mir gelassen hätte, würde ich mithilfe des kleinen Messingkompasses, den mein Onkel im Schapp aufbewahrte, nach Nordosten fahren.
Ich warf meinen Rucksack ins Boot und begann, die schmale Holzleiter hinunterzuklettern. Doch nach wenigen Sprossen packte mich plötzlich eine lähmende Angst, und ich konnte weder vor noch zurück.
„Kommst du, oder gehst du?“, rief nach einer gefühlten Ewigkeit eine Stimme von oben.
Vorsichtig hob ich den Kopf. Da stand ein Mädchen. Anna Tessier, zwölf, drei Jahre älter als ich.
„Ich weiß nicht.“
„Du weißt nicht, ob du kommst oder gehst?“ Sie lachte. „Jungs!“
„Vielleicht gehe ich. Vielleicht bleibe ich aber auch hier“, sagte ich, so fest an die Leiter geklammert, dass meine Knöchel weiß wurden.
Anna ging in die Hocke und hielt mir ihre Hand hin.
„Komm wieder rauf. Alles andere kannst du ja später entscheiden.“
Vorsichtig löste ich eine Hand von der Sprosse und ergriff ihre. Sie war warm und überraschend stark. Am Handgelenk trug sie einen breiten Silberreif, der so hell in der Sonne blitzte, dass ich die Augen zukneifen musste. Langsam setzte ich einen Fuß über den anderen. Auf der obersten Sprosse blieb ich stehen, direkt vor Anna. Sie musterte mich aufmerksam mit ihren leuchtend blauen Augen, dann lächelte sie. Ich erwiderte das Lächeln, doch als ich den letzten Schritt tun wollte, rutschte ich mit dem Fuß ab.
„Vorsicht.“ Anna hielt mich fest, und obwohl sie zart wirkte, war sie viel stärker als ich. „Du willst doch da drin nicht baden, oder?“
Wir spähten hinunter auf das dunkle, wirbelnde Wasser. Damals warfen die Fischer, wenn sie im Hafen ihren Fang verarbeiteten, alles, was sie nicht gebrauchen konnten, einfach über Bord. Und was die Möwen oder Ratten nicht fraßen, vergammelte im Wasser. Außerdem schwamm eine ölige Schicht Diesel von den Bootsmotoren an der Oberfläche, die unheilvoll schillerte. Insgesamt eine Brühe, in die man nicht hineinfallen wollte. Dankbar für Annas Hilfe, kletterte ich zurück auf den Anleger.
Ich wusste natürlich, wer sie war, und sie vermutlich umgekehrt auch. Aber da sie schon zwölf war, ging sie auf die Schule in der Stadt, drüben auf der Hauptinsel von Neufundland – beziehungsweise dem Festland, wie wir dazu sagten –, und deshalb hatten wir noch nie miteinander gesprochen.
„Pierce, richtig?“, fragte sie und strich sich das schwarze Haar aus dem sommersprossigen Gesicht. „Tut mir leid, das mit deinem Dad.“
„Sie haben ihn nicht gefunden“, sagte ich, den Blick auf meine Füße gerichtet. „Sie haben aufgegeben.“
„Und deshalb wolltest du selbst nach ihm suchen?“
Ich schwieg.
„Kann ich verstehen“, sagte sie und setzte ihren hellblauen Rucksack ab, aus dem oben ein großer Spiralblock herausragte. „Wenn es mein Dad wäre, würde ich wahrscheinlich dasselbe tun.“ Sie deutete auf die weißen Kumuluswolken am Horizont. „O Mann, ganz schön düster da hinten. Da zieht ein Sturm auf.“
„Wieso, der Himmel ist doch ganz klar?“, entgegnete ich. Ich wusste, wie Sturmwolken aussahen. Das wussten alle, die hier lebten, auch Anna.
„Die Wolken sind definitiv grau“, sagte sie mit Nachdruck. „Du solltest lieber noch ein paar Tage warten.“
Da fiel bei mir der Groschen. „Stimmt, ist sicher besser“, sagte ich erleichtert.
Sie merkte, dass ich auf den kleinen gelben Anstecker an ihrem Mantel starrte. Auf den ersten Blick sah er aus wie die Smileys, die ich von T-Shirts kannte. Aber dieser war anders. Er hatte auch die zwei schwarzen Punkte als Augen, aber er lächelte nicht, sondern runzelte die Stirn. So einen hatte ich noch nie gesehen.
Anna kletterte die Leiter hinunter, holte meinen Rucksack und war im Handumdrehen wieder oben.
„Den wolltest du doch nicht hierlassen, oder?“, sagte sie und gab ihn mir. Dann wandte sie sich um und ging davon. Aber nach ein paar Schritten hielt sie inne, machte kehrt und kam zu mir zurück.
Sie löste den Runzelsmiley von ihrem Mantel und steckte ihn an meine blaue Windjacke. „Hier“, sagte sie. „Heb den für mich auf.“
Sie warf mir noch einen Blick zu, und dann ging sie wirklich.
Ich fragte mich, was sie an diesem ruhigen Sonntagnachmittag hier am Anleger machte. Bei unserer nächsten Begegnung sollte ich es erfahren.
