Brian Sewell: Penny, Prince und Ginny. Die Hunde meines Lebens


Hunde begleiteten Brian Sewell von frühester Kindheit bis ins hohe Alter. Sie teilten sein Zuhause, sein Leben und oft auch sein Bett, waren ihm Freunde, Vertraute und Tröster in schweren Zeiten. Vom edlen Whippet über Schäferhund, Boxer und Jack Russell bis zum undefinierbaren Mischling – meist waren es Tiere mit Schicksal: ausgesetzt, verletzt, im Tierheim zurückgelassen, und doch voller Lebensfreude, mit unverwechselbarem Charakter und von unerschütterlicher Treue. 

Voller Zuneigung schildert Sewell die besonderen Beziehungen zwischen Mensch und Hund – ehrlich, berührend und mit feinem Humor. Ein außergewöhnliches Buch über Freundschaft, Vertrauen und das Glück, sein Leben mit Hunden zu teilen.

Erinnerungen

Insel (2026)

Originaltitel: Sleeping with Dogs

ISBN 978-3-458-64585-6

EUR 18,00




Leseprobe

Penny

 

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Jubelnde Londoner feierten in den Straßen, sammelten sich vor dem Buckingham Palace und tanzten die ganze Nacht in Piccadilly, Soho und am Trafalgar Square. Einen Tag lang durften wir Jungen aus meiner Schule mitfeiern, doch ich stieg auf mein Fahrrad und fuhr den ganzen Weg bis nach Finchley, um mich mit einem pickeligen und unsympathischen Jungen namens Lacey zu treffen (damals nannten wir einander nur beim Nachnamen), der einen Wurf Welpen hatte. Etliche Wochen zuvor hatte er uns ausführlich geschildert, wie seine kleine Mischlingshündin sich gepaart hatte, und seither waren wir regelmäßig auf dem Laufenden gehalten worden. Ich hatte fünf Shilling in meiner Tasche und hoffte, noch etwas zurückzubekommen, aber der ungefällige Lacey argumentierte, da ich die einzige Hündin des Wurfs haben wollte, könne er nicht mit dem Preis runtergehen; einen Rüden hätte ich für drei Shilling und Sixpence haben können, aber die Hündin gebe er nur für fünf Shilling her oder gar nicht.

Ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich mir mein Geld so leicht hatte abnehmen lassen, obwohl es vielleicht anderswo einen besseren und billigeren Welpen gegeben hätte, aber ich wusste nicht, wo ich hätte suchen sollen, außerdem wäre ich die knapp zwanzig Meilen umsonst gefahren – vor allem aber hätte ich meinen Stiefvater nicht exakt an dem Tag, als der Krieg vorbei war, auf sein Versprechen festnageln können. Denn ich war sicher, dass er mit seiner üblichen elterlichen Doppelzüngigkeit eingewandt hätte, der Krieg sei erst vorbei, wenn der Konflikt mit Japan ausgestanden wäre, die Rationierungen seien viel zu streng, ich befände mich in der Schule in einer schwierigen Phase (was zutraf, aber dasselbe galt für alle Phasen in der Schule), oder irgendeinen anderen unwiderlegbaren Vorwand angeführt hätte, um sich nicht an sein Versprechen halten zu müssen. Meine einzige Chance bestand darin, Tatsachen zu schaffen und ihm damit jede Ausweichmöglichkeit zu nehmen.

Nachdem der unvorteilhafte Handel abgeschlossen war, packte ich den Welpen in meine Schultasche, schlang sie mir über die Schulter und radelte nach Hause. Dort holte ich ihn heraus, setzte ihn vor der Wohnungstür auf den Boden, klingelte und wartete mit pochendem Herzen. Mein Stiefvater öffnete die Tür mit den Worten: „O Gott, du hast doch hoffentlich nicht deinen Schlüssel verloren, oder?“, und bemerkte die kleine Hündin erst, als sie an seinen Füßen vorbeitapste. „Du kleiner Racker“, sagte er (womit er mich meinte, nicht die Hündin) und rief meine Mutter herbei. Fünfzehn Jahre später, am 27. Juni 1960, begrub ich ihren kleinen Körper im Rosenbeet meiner Mutter in Castle Hedingham, und dort liegen ihre Gebeine noch immer – die einzigen von all meinen Hunden außer Prince, die nicht bis heute bei mir sind, um dereinst am Himmelstor ein gutes Wort für mich einzulegen.

Wie Prince war auch sie weiß mit schwarzen Schlappohren, außerdem war ein Großteil ihres Gesichts schwarz, und an der einen Flanke hatte sie einen vollkommen runden schwarzen Fleck (der allerdings nicht so blieb), deshalb nannte ich sie Penny. Im Gegensatz zu Prince war sie jedoch langhaarig. Zu Anfang war sie so winzig, dass sie in die Schale meiner Hände passte, und selbst ausgewachsen war sie leicht genug, um sie mir unter den Arm zu klemmen. Als Ende der fünfziger Jahre Tibet-Terrier in Mode kamen, wurde sie manchmal für einen gehalten, obwohl sie längere Beine hatte, und es war meist taktvoller zuzustimmen, als auf ihrem Mischlingsstatus zu bestehen – Hundemenschen können bisweilen auf geradezu absurde Weise rechthaberisch sein.

Das Ende des Krieges bedeutete nicht, dass auch mit der Lebensmittelrationierung Schluss war, im Gegenteil, noch im Siegesmonat Mai 1945 wurden die ohnehin schon mageren Mengen an Fleisch, Butter, Zucker und sogar Speck zum Braten noch weiter eingeschränkt. Die Ration Corned Beef reichte gerade für ein Sandwich in der Woche, der Käse für einen einzigen überbackenen Toast, an frischem Fleisch bekam man etwa sechzig Gramm, ein Ei gab es nur alle zwei Wochen, und so weiter. Für Penny erbettelte ich mir beim Fleischer die Reste, und meist gab er mir einen Schlag Schafs- oder Schweinelunge, eine widerliche, labbrige Masse, die keinem Menschen zugemutet werden konnte. Schließlich wurde sogar das Brot rationiert. Der „Nationallaib“, weder hell noch dunkel und bereits nach wenigen Stunden trocken, war das einzige Lebensmittel, das Kinder mit ein paar ausgeschnittenen Coupons aus dem Rationsheft kaufen konnten, und da diese den Bäckern in ihrer Eile oft hinunterfielen, bückte ich mich unter dem Vorwand, Penny zu streicheln, fischte sie unter dem Tresen hervor und kaufte damit einen weiteren Laib.

Von diesem Brot ernährte sich Penny, von Kartoffeln, Gemüse und Soße, von herausgekratzten Resten aus Töpfen und Pfannen, von einzelnen Happen Fisch oder Fleisch, die ich ihr heimlich gab, und von den Fett- und Knorpelstückchen aus dem ungenießbaren Schulessen, die meine Klassenkameraden mir überließen. Aus der Not wurde eine lebenslange Gewohnheit: Alle meine Hunde haben bei Tisch Happen von mir bekommen, und ich könnte mir nicht vorstellen, ohne ihre Gesellschaft zu essen. Bevor es allgemein üblich wurde, eine „Doggie Bag“ aus dem Restaurant mit nach Hause zu nehmen, steckte ich stets etwas Zellophan oder Butterbrotpapier ein, um darin Reste einzupacken, und wenn ich von einer Reise zurückkomme, bringe ich immer eine Flugzeugmahlzeit oder ein Zugsandwich mit.

Ich erinnere mich an drei Vorfälle aus Pennys Welpenzeit. Einmal hatte ich sie auf einen viel zu langen Spaziergang durch das damals noch wilde Grünland im Norden Londons mitgenommen, und als ich mit ihr auf dem Schoß von einer der äußersten U-Bahn-Haltestellen nach Hause zurückfuhr, leerte sie im Schlaf ihre Blase. Das war meine erste Lektion – sofern ich überhaupt eine brauchte –, dass Hundebesitzer nicht zimperlich sein dürfen, sondern stets auf unerwartete Begegnungen mit Erbrochenem, Kot und Urin gefasst sein müssen. Für so ein kleines Wesen war Pennys warme Flut erstaunlich ergiebig; sie drang durch den dünnen Stoff meiner Hose bis in meine Unterhose, und da ich spürte, dass es damit noch nicht genug war, stand ich auf, damit die Flüssigkeit an meinem Bein hinunter in meinen Schuh lief und nicht in das Polster des Sitzes. Ich lachte – bis mir klar wurde, dass es für jeden Außenstehenden so aussehen musste, als wäre das Missgeschick mir passiert und nicht meinem Hund.

Als ich zum ersten Mal versuchte, ihr beizubringen, ohne Leine bei Fuß zu gehen, schoss sie los, um einen Hund auf der anderen Straßenseite zu begrüßen, und lief direkt vor einen Bus. Zum Glück bemerkte sie ihn gerade noch rechtzeitig, kauerte sich zusammen, und der Bus fuhr über sie hinweg, ohne dass ihr etwas geschah. Penny lernte sehr schnell; von da an lief sie nie wieder allein über die Straße.

Der dritte Vorfall war eine Granne in ihrem Ohr, einer dieser fiesen v-förmigen Grassamen, die im August an allen Straßenrändern lauern. Erst schüttelte sie immer wieder den Kopf, dann begann sie zu winseln. Ich konnte zwar nichts sehen, wusste aber, dass etwas unternommen werden musste, denn ich erinnerte mich noch gut an die Schmerzen bei einer Mittelohrentzündung, als ich kleiner war. „Es ist dein Hund“, sagten meine Eltern, „du musst sie füttern und erziehen und dich um sie kümmern, du bist für sie verantwortlich.“ Wie soll ein Vierzehnjähriger, der keine Erfahrung mit Tieren hat, weder Telefon noch Telefonbuch besitzt und nur fünf Shilling Taschengeld in der Woche bekommt, einen Tierarzt finden? Doch ich fand einen, meilenweit entfernt, in der Nähe meiner Schule. Er hieß McClure, und er nahm eine Pinzette, entfernte die Granne innerhalb von Sekunden und war obendrein so nett, mir nichts dafür zu berechnen. Aus lauter Dankbarkeit schickte ich ihm noch mehrere Jahre lang selbst gebastelte Weihnachtskarten.

Trotz der mageren Rationen wuchs Penny zu einer zähen und umtriebigen kleinen Hündin heran. Sie war hochintelligent und verfügte über ein menschliches Vokabular von etwa fünfzig Wörtern; sobald ich beispielsweise den Maler Poussin erwähnte, verstand sie „Puss“ und stürmte wild bellend zum Fenster, weil sie draußen eine Katze vermutete. Ich bin überzeugt, dass sie, scheinbar schlafend, unsere Gespräche verfolgte, und manchmal reagierte sie so seltsam, dass wir uns fragten, was um alles in der Welt wir gesagt hatten – nur um dann festzustellen, dass im letzten Satz ein Wort wie Spazierengehen, Bad, Bett, Abendessen, Auto, Keks oder der Name eines unserer Nachbarn gefallen war. Unter den wenigen anderen Hunden im Viertel hatte sie eine bedrohliche Feindin: Bella, eine massige Staffordshire-Bullterrierhündin, die sie einmal am Schwanz erwischt und diesen durchgebissen hatte, sodass nur ein Stummel übrig blieb, der von Mr McClure versäubert und genäht werden musste. Die Folge war ein tief verwurzelter Groll, und jedes Mal, wenn Bella in Sicht kam, musste ich Penny, die furchtlos auf Rache sann, hochnehmen, festhalten und mit ihr umkehren.

In diesen frühen Jahren ging ich viele Meilen mit ihr, oft begleitet von Malcolm Tomkins, einem Schulfreund mit großer Begeisterung für literarische Klassiker, der Katzen lieber mochte als Hunde, Laurence Sterne lieber las als John Galsworthy und Tristram Shandy (die olle Kamelle) für den größten Roman in englischer Sprache hielt. Wir fuhren mit dem Bus aus London hinaus und liefen querfeldein, schauten uns hier und da einen Landsitz oder eine andere Sehenswürdigkeit an, wobei Penny allein draußen angebunden warten musste, und kehrten mit einem anderen Bus wieder nach Hause zurück. Bis zu fünfzehn Meilen legten wir dabei zurück, und Penny, die unterwegs hierhin und dorthin rannte, vielleicht noch einmal so viel, und so war sie froh, ein wenig rasten zu können, während wir Penshurst, Luton Hoo oder Polesden Lacey besichtigten.

Pennys Gesellschaft machte mir die bedrückende Nähe während der Familienurlaube in Devon und auf der Isle of Wight erträglicher, bis ich mit sechzehn davon befreit wurde und zu Hause bleiben konnte. Dort genoss ich das ungewohnte Gefühl von Freiheit und Verantwortung, während meine Eltern sich in einem Hotel in Brighton, das sie sich kaum leisten konnten, vermutlich die ganze Zeit stritten. Penny saß neben mir, wenn ich mit der Staffelei draußen malte (mit siebzehn hielt ich mich für einen zweiten Monet), und manchmal begleitete sie mich auch zur Messe, wo sie in einer dunklen Ecke der Kirche unbemerkt zwischen den Kniekissen hockte.

Vom ersten Tag an schlief sie bei mir, im Sommer auf der Decke, im Winter darunter, und als ich meine zwei Jahre Militärdienst ableistete, vermisste sie mich so sehr, dass meine Mutter sie nur an der Leine ausführen konnte, denn sobald sie einen Soldaten in Uniform sah (zu der Zeit ein häufiger Anblick), rannte sie zu ihm, und irgendein Fremder auf Kurzurlaub, der zwar überrascht, aber durchaus erfreut über die stürmische Begrüßung war, verstand nicht, warum sich ihr Verhalten abrupt änderte, wenn sie feststellte, dass Stimme und Geruch nicht ihren Erwartungen entsprachen. Allein die Tatsache, dass sie einen Soldaten von einem Zivilisten unterscheiden konnte, lässt auf eine bemerkenswerte Intelligenz schließen.

Aus der Armee entlassen, kaufte ich mir ein Auto, und mir fiel auf, dass Penny sich bei Fahrten, die ich regelmäßig unternahm – zu einem alten Freund in Saffron Walden, zu meiner Patentante in Worthing oder zu meiner Mutter, die nach Castle Hedingham zurückgezogen war –, alsbald zusammenrollte und einschlief, um dann wieder aufzuwachen, sobald wir nur noch eine oder zwei Meilen vom Ziel entfernt waren. Bei anderen Fahrten von ungefähr der gleichen Länge und teils sogar über dieselben Straßen hingegen saß sie aufmerksam da und blickte nach draußen. Wie konnte das sein? Wie konnte sie zwischen den Fahrten unterscheiden? Für mich war dies der erste Beweis, dass Tiere eine Ebene der Wahrnehmung oder Intuition besitzen, die über die des Menschen hinausgeht, und auch bei einigen meiner späteren Hunde konnte ich dies wiederholt feststellen.

Als Student am Courtauld Institute of Art vernachlässigte ich Penny – die Tage waren lang, ich musste viel lernen, bisweilen war ich wochen- oder gar monatelang im Ausland –, und so wurde sie mehr zum Hund meiner Mutter, bis ich vom Auktionshaus Christie’s eine Stelle als Experte für Alte Meister angeboten bekam (aus heutiger Sicht absurd) und eine Wohnung am Phillimore Place fand. Von dort aus konnte ich mit Penny durch Kensington Gardens, Hyde Park und Green Park zur Arbeit gehen. Bei Christie’s lag sie zu meinen Füßen und schlief, nur unterbrochen von einer kurzen Mittagsrunde durch den Green Park. Doch dann wurde die unermüdliche Penny müde, etwas an ihrer Körpersprache verriet, dass sie den strammen morgendlichen Marsch nicht mehr genoss und abends lieber mit dem Bus nach Hause fuhr.

Eines Winterwochenendes Anfang 1960 fuhren wir nach Castle Hedingham, und ich ließ sie bei meiner Mutter – „Zwei alte Damen, die sich Gesellschaft leisten“, wie sie es ausdrückte. Alles blieb ruhig, bis meine Mutter am 26. Juni anrief und sagte, Penny sei „nicht ganz auf der Höhe, aber vielleicht liegt es nur an der Hitze“. Ich schlug ihr vor, den Tierarzt aufzusuchen – einen Mann, den ich nicht sonderlich mochte, weil er sich mehr für landwirtschaftliche Großtiere interessierte als für kleine Hunde –, und das tat sie dann auch am nächsten Morgen. Er ertastete etwas, das ihm nicht gefiel, schlug eine Operation zur näheren Untersuchung vor, operierte, war nicht glücklich über das, was er fand, und erhöhte das Narkosemittel auf eine tödliche Dosis. „Krebs“, sagte er zu meiner Mutter, als er ihr das tote Tier reichte. „Überall.“ An dem Abend fuhr ich sprachlos vor Trauer die siebzig Meilen, um sie zu beerdigen. Es war der Tag der Sieben Schläfer von Ephesus, deren Hund eines von nur zehn Tieren war, die in Mohammeds Paradies Einlass fanden.