Penelope Farmer: Sie flogen einen Sommer lang


Charlotte und ihre kleine Schwester Emma träumen davon, fliegen zu können. Und tatsächlich wird ihr Wunsch wahr, als sie eines Tages auf dem Schulweg einem Jungen begegnen, der ihnen das Fliegen beibringt. Die beiden sind begeistert. Als der Junge sogar ihre ganze Klasse das Fliegen lehrt, nimmt der Sommer eine außergewöhnliche Wendung: Gemeinsam fliegen sie ans Meer, veranstalten Picknicks und gleiten im Mondlicht über die Wälder. Doch die nachdenkliche Charlotte ahnt, dass der Junge etwas verbirgt. Denn keiner der Erwachsenen kann ihn sehen. Und als der Sommer sich dem Ende neigt, enthüllt der Junge ein Geheimnis, das alles verändern wird ...

Jugendbuch

Insel (2026)

Originaltitel: The Summer Birds

ISBN 978-3-458-64593-1

EUR 16,00




Leseprobe

1

 

Zahllose Schwalben nisteten unter den Zinnen des alten Hauses, schwirrten und tanzten von Mai bis Oktober den ganzen Tag durch die Luft und glitten über den grünen Rasen. Innig beneidet wurden sie dabei von Charlotte und Emma, die mit ihrem Großvater Elijah und seiner Haushälterin Miss Gozzling in der mit Türmchen verzierten viktorianischen Villa lebten. Sie hieß Aviary Hall – „Vogelhaus“ –, ein sehr passender Name, denn außer den Schwalben gab es dort in einer Vitrine in der Eingangshalle einen prächtigen Fächer aus Pfauenfedern und in einer weiteren Vitrine im Wohnzimmer zwanzig auf Draht gezogene ausgestopfte Kolibris. Als weitere Besonderheit befand sich oben im Badezimmer eine in den Boden eingelassene Marmorwanne, sodass man nicht erst über den Rand klettern musste, wenn man baden wollte, sondern einfach hinabstieg wie eine römische Dame. Davon abgesehen jedoch war das Haus nicht viel anders als all die anderen viktorianischen Villen. Es gab allerlei dichtes Gebüsch, mehrere nützliche Treibhäuser und einen großen, von einer Mauer umschlossenen Küchengarten, um den sich der Gärtner Bomble kümmerte, der zwei Zwerghühner unter seinem Korbstuhl hielt und Charlottes und Emmas Freund war.

Eines Frühsommermorgens, als Charlotte und Emma zur Schule aufbrachen, sahen sie, wie die Schwalben über den Rasen schwirrten. „Ich wünschte, wir könnten auch so fliegen“, sagte Emma.

„Ich auch.“ Charlotte seufzte. „Aber das werden wir nie“, fügte sie hinzu. Das wiederholte sich jeden Morgen. Doch auf dem Weg, der zu beiden Seiten von einer wilden Hecke mit Gräsern, Butterblumen und Wiesenkerbel gesäumt war, begegneten sie einem Jungen, der lässig mit einem Stock auf das Grün einschlug – und das war noch nie passiert.

„Hallo“, sagte er. 

„Hallo“, erwiderte Emma munter.

„Wir kennen dich nicht, oder?“, fragte Charlotte, die stets vorsichtiger war.

„Nein, ich glaube nicht“, antwortete der Junge. Er schlug weiter auf die schaumigen Blütenköpfe des Wiesenkerbels ein und sah sie mit einem angedeuteten Lächeln an.

Charlotte hätte beinahe gesagt: „Komm, Emma, wir müssen in die Schule“, weil er so ein seltsamer Junge war und sie fand, dass sie sich besser nicht mit ihm unterhalten sollten. Aber sie wollte nicht unhöflich sein, außerdem war er nicht sehr groß und ganz allein unterwegs an diesem schönen Morgen. So blieben sie stehen, musterten einander und überlegten, was sie sagen sollten.

„Was machst du hier?“, fragte Emma neugierig.

„Nachdenken“, erwiderte der Junge und lächelte sie an. „Und Hecken schlagen“, fügte er hinzu, hob seinen Stock und drosch auf das frische Grün ein.

„Nachdenken?“, wiederholte Emma noch neugieriger. „Worüber denn?“ („Sei nicht unhöflich, Emma“, flüsterte Charlotte. „So etwas fragt man nicht.“)

Der Junge hatte es gehört und lächelte spöttisch. „Das ist schon in Ordnung“, sagte er. „Was ich denke, ist kein Geheimnis. Ich habe über die Bäume nachgedacht und über den Morgen und die Lerche da oben am Himmel. Und jetzt denke ich über euch nach. Ich denke gerne nach.“

Emma wurde ungeduldig. „Wenn du noch lange hierbleibst und nachdenkst, kommst du zu spät zur Schule“, rief sie.

„Ich?“, entgegnete der Junge. „Ich gehe nicht zur Schule.“

Überrascht sagte Charlotte: „Oh, aber ich dachte, alle müssen in die Schule“, während Emma auf ihren kurzen Beinen auf und ab hüpfte und rief: „Ach, komm doch mit, komm doch mit, warum kommst du nicht mit uns?“

Charlotte musterte ihn zweifelnd. Er hatte ein vogelartiges, sommersprossiges Gesicht mit großen, schräg stehenden Augen, deren Braun ein wenig rötlich schimmerte, wie Kastanien. Er trug ein ausgeblichenes blaues Hemd, gefleckt wie ein Drosselei, und eine mit Flicken versehene kurze Lederhose, und seine langen, nackten Beine waren braun wie das Gefieder eines Bussards. Er hatte etwas Fremdartiges, Wildes an sich, und da sie nicht wusste, woher er kam und was er wollte, sagte sie mit einem Blick auf das rote Funkeln in seinen Augen vorsichtig: „Ich weiß nicht, was unsere Lehrerin dazu sagen würde.“

Doch Emma hielt nichts von Vorsicht. „Ach, komm doch mit“, bettelte sie.

Er stand schweigend da und schaute sie an. Dann hob er den Kopf und blickte hinauf in den weiten Himmel. In der Stille konnten sie den schrillen Ruf der Lerche hören, und plötzlich sahen sie sie, in dem Blau hoch über ihnen. Ein kurzes, gelbes Aufleuchten, und ein Distelfink schoss aus der Hecke, flog über ihre Köpfe und verschwand. Der Junge hieb ein letztes Mal auf das Gebüsch ein, dass die Gräser erzitterten, dann wandte er sich wieder zu Charlotte und Emma um. „Gut, ich komme mit euch“, sagte er, warf den Stock weg und marschierte in einem solchen Tempo los, dass sie beinahe laufen mussten, um mit ihm Schritt zu halten. Er sprach kein weiteres Wort.

 

 

 

2

 

Obwohl es fast neun Uhr war, als sie beim Schultor ankamen, spielten die Kinder noch im Hof wie ein Schwarm Spatzen, plappernd und rufend, die Mädchen mit ihren Springseilen zur Linken, die Jungen mit einem Fußball zur Rechten. Der Hof war recht klein. Ziemlich oft kamen Seilspringen und Fußball sich ins Gehege, und dann schimpften die Jungen lauthals über die Mädchen, und die Mädchen kreischten, weil die Jungen sie unterbrochen hatten.

Als Ginger Apple die beiden Schwestern erblickte, kam er herbeigelaufen, widerstrebend gefolgt von Totty Feather, der Mädchen nicht mochte, sie aber in Kauf nehmen musste, weil Ginger sein Freund war und weil Ginger Emma liebte. Charlotte fragte sich, was sie wohl von dem fremden Jungen halten würden, aber sie schienen ihn gar nicht zu bemerken. Sie wollte sie einander vorstellen, wie es ihr Großvater tun würde, und sagte: „Ginger, das hier ist ...“ Doch dann verstummte sie, weil ihr mit einem Mal auffiel, dass sie gar nicht wusste, wie der Junge hieß. Ginger und Totty sahen sie an, als wäre sie nicht ganz bei Trost. Ginger war schüchtern und kräftig und rothaarig und wenn er errötete, wie jetzt, als er vor Emma stand, biss sich die Farbe seines Gesichts mit der seiner Haare.

„H-h-hallo, Em“, sagte er. „Hallo, Charlotte.“

„Hallo, Ginger. Hallo, Totty“, erwiderte Charlotte.

Emma kicherte nur und sagte: „Du wirst ganz rot, Ginger.“ Dann lief sie über den Hof und rief ihre Freundinnen. „Annie! Marly! Molly! Kann ich mitspielen?“ Charlotte blieb allein zurück, mit dem fremden Jungen hinter ihr und Ginger vor ihr, und überlegte, wie sie den armen Ginger trösten sollte, der vor Enttäuschung noch röter geworden war, weil Emma ihn einfach stehen gelassen hatte. Er und alle anderen in der Schule hielten Charlotte für eine eingebildete Schnepfe. Sie hatten ja keine Ahnung, wie schwer es für sie zu Hause war, mit Emma, die ständig irgendetwas anstellte, und ihrem Großvater, der wollte, dass kleine Mädchen brav waren. Und so stand sie nur stumm da, während Totty Feather Ginger ungeduldig am Ärmel zupfte. Der fremde Junge beobachtete sie mit einem seltsamen halben Lächeln.

In dem Moment kam Miss Hallibutt, die Lehrerin, heraus und läutete die große Messingglocke. Während die Kinder aus dem sonnigen Morgen in das Klassenzimmer strömten, wechselte das Gerufe und Geplapper von Fußball und Seilspringen zu schulischen Dingen: „Heute bin ich dran, die Bücher einzusammeln, also halt dich da raus, Molly Scobb!“

„Ruhe, Kinder, Ruhe!“, mahnte Miss Hallibutt zerstreut, während ihr das Haar aus dem Knoten rutschte. „Ruhe!“ Nach und nach verstummte das Gemurmel und Geflüster, und auch das Geklapper der Schreibpulte hörte auf.

Der Junge war Charlotte in das Klassenzimmer gefolgt, aber niemand beachtete ihn, niemand stupste Charlotte an und flüsterte „Wer ist das?“, wie die Kinder es sonst taten, wenn jemand Fremdes hereinkam. Tatsächlich schienen sie ihn gar nicht zu bemerken. Er saß im Schneidersitz auf dem Fußboden zwischen Charlotte und dem Fenster und sah zu, wie Miss Hallibutt das rote Klassenbuch aufschlug und den Blick über die Reihen wandern ließ. Obwohl Miss Hallibutt ihn direkt anschaute, sagte sie nicht: „Ich wusste gar nicht, dass wir einen neuen Schüler haben“ oder etwas in der Art. Offenbar sahen ihre kieselgrauen Augen nur Luft.

Aber sie sah all die anderen Kinder, die in ihrem Klassenzimmer saßen, mit den Landkarten und Tintenflecken und den welken Butterblumen, die in einem Glas auf dem Fensterbrett standen und ihre gelben Blütenblätter und den Pollenstaub auf den Fußboden rieseln ließen.

„John Apple“, sagte sie.

„Hier, Miss“, antwortete Ginger mit seiner merkwürdig heiseren Stimme.

„Thomas Feather?“

„Hier“, rief der bebrillte Totty rasch.

„Robert Fumpkins?“

„Ich bin hier“, verkündete Baby wichtigtuerisch, denn seinen Eltern gehörte der einzige Fernseher im Dorf.

„William Scragg?“

„Hier“, sagte Bandy, der Sohn des Fleischers, mit seinem boshaften schiefen Grinsen.

„George Dimple?“

„Hier“, erwiderte Scooter, bemüht, genauso boshaft zu klingen wie Bandy, was ihm jedoch nicht gelang.

„James Hat?“

„Ich bin hier“, rief Jammy, der Kleinste der Klasse, eifrig.

„Annie Feather?“, fragte Miss Hallibutt, nun zu den Mädchen gewandt.

„Hier“, sagte Tottys Schwester, schwerfällig und ernst.

„Molly Scobb?“ Sie war Annies beste Freundin und trug eine rosafarbene Schleife im Haar.

„Hier“, sagte sie.

„Marlene Scragg?“

„Hier“, erwiderte Marly mit dem gleichen schiefen und fast genauso boshaften Grinsen wie ihr Zwillingsbruder.

„Magdalen Hobbin?“

„Hier“, antwortete das braun gebrannte, unnahbare Mädchen, dem sie den Spitznamen Maggot gegeben hatten. Sie lebte mit ihrem Onkel, der Wildhüter war, in einem kleinen Haus im Wald. Er kümmerte sich kaum um sie, und niemand wusste, was mit ihren Eltern geschehen war.

„Charlotte Makepeace?“

„Hier“, sagte Charlotte und fragte sich wie immer, was es mit der seltsamen Maggot auf sich hatte.

„Und Emma Makepeace?“

„Hier, ich bin hier“, rief Emma als Letzte.

Als der Morgen voranschritt, ließ Charlottes Aufmerksamkeit nach. Anstatt die Wörter im Buch zu lesen, beobachtete sie die Schatten an der Decke oder die Fliege, die am Fenster herumschwirrte, oder die herabfallenden Blütenblätter der Butterblume.

Der Junge wurde immer ungeduldiger.

„Worauf warten wir?“, flüsterte er ihr schließlich zu. „Kommst du nicht mit?“

„Wohin denn?“, erwiderte Charlotte verwundert. „Und wie stellst du dir das vor? Jetzt ist Unterricht. Ich kann doch nicht einfach gehen.“

Verächtlich blickte er sich im Klassenzimmer um. Im Verlauf des Morgens war es wärmer geworden. Die Hitze staute sich zwischen den eng stehenden Tischen und den schläfrigen Rücken der Kinder. Das einzig Lebendige war das Sonnenlicht, das auf den Fußboden beim Fenster schien und die Farben der Kleider und die Lichter in den Haaren der Kinder aufleuchten ließ. Selbst die Hand der Lehrerin bewegte sich langsamer über die Tafel, und die Stille war schwer wie Samt. 

„Komm schon“, sagte der Junge erneut. „Ich kann dir viel mehr beibringen als das hier. Komm schon, komm schon, sonst platze ich!“

Bevor Charlotte wusste, wie ihr geschah, saß sie mit ihm auf der Fensterbank, und einen Augenblick später sprangen sie hinunter ins Gras. Sie purzelten übereinander wie Welpen und richteten sich lächelnd auf. Zu ihrer Überraschung merkte Charlotte, dass sie überhaupt kein schlechtes Gewissen hatte, weil sie schwänzte. Für sie zählte nur, dass sie hier draußen war, in diesem wunderschönen Morgen, und glücklich wie ein Vogel. Der Junge nahm ihre Hand und zog sie hoch. 

„Komm“, rief er voller Freude. „Ich fühle mich wieder lebendig. Da drinnen war es wie der Tod, wie ein Tod aus Kreide, Tinte und Papier. Wie hältst du das aus? Jetzt will ich laufen, bis ich keine Luft mehr kriege.“

Leichtfüßig wie Rehe liefen sie über die Wiese, oben die Sonne, unten die Butterblumen, und eine kühle Brise auf der Stirn. Charlotte, die sich an seiner Hand festhielt, dachte, dass sie noch nie so schnell gelaufen war. Die Enge und Hitze des Klassenzimmers lagen hinter ihnen. Sie spürte nur Freiheit und Luft und lachte, während ihr Haar im Wind wehte. Vielleicht fühlten sich so die Schwalben, wenn sie dicht über den Rasen sausten.

Schließlich ließen sie sich japsend unter den Bäumen auf den Boden fallen, um wieder zu Atem zu kommen. Charlotte lag flach auf dem Bauch und spürte das weiche Gras auf ihrem Gesicht und ein Insekt, das über ihre Beine krabbelte. Sie wandte den Kopf zur Seite. Der Junge schwieg und schien über etwas nachzudenken.

„Hättest du Lust zu fliegen?“, fragte er plötzlich, setzte sich auf und umschlang seine Knie.

Charlotte verspürte ein aufgeregtes Kribbeln, aber da sie wusste, dass solche Dinge in der normalen Welt nicht passierten, blieb sie vernünftig. „Wie, in einem Flugzeug? Nein, ich glaube nicht. Da hätte ich schreckliche Angst. Warum? Hast du eins?“

„Nein, Dummerchen“, erwiderte der Junge spöttisch. „Ich meine wie ein Vogel. Wenn du willst, bringe ich es dir bei.“

Charlotte machte große Augen, aber sie traute sich noch nicht, ihm zu glauben. Sie setzte sich ebenfalls auf und sah ihn an.

„Wie soll das denn gehen?“, fragte sie. „Das ist unmöglich. Nur Vögel können fliegen.“

„Unsinn“, sagte er verächtlich. „Unsinn, Unsinn! Schau her!“

Elegant und mühelos sprang er in die Luft, umkreiste Charlotte, lachte über ihre verdutzte Miene und landete sanft wieder vor ihr auf dem Boden. „Siehst du?“, sagte er. „Und jetzt pass auf.“

Noch bevor sie ihre Überraschung überwunden hatte, machte sie schon nach seiner Anweisung eine ganze Reihe von Übungen, um die Flugtechnik zu erlernen und sich an die Bewegung zu gewöhnen. Sie musste ihre Arme wie beim Schwimmen durch die Luft schieben, Kniebeugen machen, um ihre Beinmuskeln zu kräftigen, und ihre Hand- und Fußgelenke kreisen lassen, damit sie beim Fliegen geschmeidig waren. Nachdem sie jede dieser Übungen einzeln durchgeführt hatte, musste sie sie alle gleichzeitig machen. Sie übte, bis sie erschöpft und außer Atem war. Es fiel ihr sehr schwer, als müsste sie mit beiden Händen zur selben Zeit einen unterschiedlichen Rhythmus schlagen. Doch schließlich war der Junge offenbar mit ihr zufrieden und ließ sie auf einen umgestürzten Baumstamm klettern. Von dort sollte sie hinunterspringen und dabei die Arme und Beine so bewegen, wie er es ihr beigebracht hatte. Sie landete mit einem heftigen Ruck im Gras. Geduldig und ohne Spott zeigte der Junge es ihr erneut. Er schwebte in der Luft und landete ganz langsam auf dem Boden.

Charlotte versuchte es wieder, aber diesmal verstauchte sie sich beinahe den Knöchel. Der Junge war unerbittlich, noch unerbittlicher als Miss Hallibutt.

„Probier’s noch mal“, sagte er. „Du kriegst den Dreh schon noch raus.“

Doch obwohl sie sich wirklich Mühe gab, wollte es ihr einfach nicht gelingen. Sie kam sich vor wie eine junge Drossel beim ersten Flugversuch, die hilflos flatternd vom Zweig plumpst. Dann aber blieb Charlotte zum ersten Mal eine kleine Weile in der Luft. Als sie es merkte, erschrak sie so sehr, dass sie erneut zu Boden fiel. Allmählich jedoch gewöhnte sie sich an das Gefühl des Fliegens, so wie ein Rollschuhläufer sich an die Rollschuhe gewöhnt. Sie wurde mutiger, und der Junge fand, dass sie nun bereit sei, richtig zu fliegen. Zusammen mit ihm kletterte sie auf den nächsten Baum, hoch und höher, die raue Rinde unter den Händen, das lebendige Holz unter den Füßen, die tanzenden Blätter im Gesicht, und immer noch höher, bis sie schließlich auf dem höchsten Ast standen, der ihr Gewicht noch tragen konnte.

Der Boden, unendlich weit weg, schien unter dem flirrenden Laub zu schwanken. Zweig um Zweig, Ast um Ast vermischte sich das Gold und Grün unter ihnen mit demselben Sonnenlicht, das seitlich auf ihren Kopf fiel und das Hemd des Jungen aufleuchten ließ. Sie konnte die Wärme auf ihrem Haar spüren, das Gurren der Tauben hallte in ihren Ohren, und sie hatte mehr Angst als jemals zuvor in ihrem Leben. Aber sie war entschlossen, sich gegenüber dem spöttisch lächelnden Jungen nichts anmerken zu lassen, und so schloss sie die Augen, klammerte sich an das raue Holz und wartete.

„Ohne Halt bis zu der Eiche da drüben“, flüsterte er. „Bist du bereit? Dann spring! Spring!“ Irgendwie hatte sie den schwankenden Ast verlassen. Die Blätter streiften ihr Gesicht. Sie tauchte zwischen ihnen hindurch in den hellen Schein der offenen Wiese, sechs oder sieben Meter über dem Boden. Sie flog. Aber es war nicht so leicht, wie es bei den Vögeln aussah. Der richtige Rhythmus wollte sich nicht einstellen. Für einen kurzen Moment war er da und sie glitt mühelos über das Gras, doch dann war er plötzlich wieder weg und sie zappelte in der Luft wie ein ungeübter Schwimmer im Wasser. Der Baum befand sich nur wenige Meter hinter ihr, doch sie war bereits erschöpft und voller Neid auf die Schwalben. Ihr tat alles weh, und sie bekam kaum noch Luft.

„Ich kann das nicht“, keuchte sie.

„Natürlich kannst du das, Dummerchen“, rief der Junge, der mühelos über ihr schwebte und über ihr Gezappel lachte, wenn auch nicht unfreundlich. „Arme und Beine gleichzeitig, und die Fußknöchel mehr bewegen. Flattere nicht wild herum wie eine aufgescheuchte Henne. Alles zusammen.“

Und mit einem Mal verstand sie. Ihre Bewegungen waren nicht mehr hektisch und abgehackt, sondern wurden ruhiger und gleichmäßiger: der Zug der Arme, die Drehung der Füße, einwärts, auswärts, alles zusammen. Bald saß sie jubilierend auf einem Ast der Eiche, begierig nach mehr. Sie schloss die Augen und sprang erneut hinaus ins Sonnenlicht. Einen schrecklichen Moment lang dachte sie, sie hätte ihr Können verloren – sie zappelte und kämpfte, doch dann war sie wieder da, die Leichtigkeit und Mühelosigkeit. Vom Wind getragen sauste sie wie eine Schwalbe über die Wiese.

Sie fragte sich, wie sie auf den Gedanken gekommen war, laufen sei wie fliegen. Das hier war ganz anders, außergewöhnlich und aufregend. Doch sie konnte noch nicht wie eine Schwalbe aufsteigen und herabschießen und plötzlich die Richtung wechseln. Der Junge zeigte es ihr, aber als sie es versuchte, wäre sie beinahe mit der Nase voran im Gras gelandet. Also flog sie auf einer Höhe, und wenn sie höher oder tiefer gehen wollte, tat sie es langsam und vorsichtig.

„Gut gemacht, Charlotte!“, rief der Junge neben ihr. „Sehr gut. Jetzt hast du es raus.“

Aber es war trotzdem anstrengend, und sie war froh, als sie sich schließlich am hinteren Ende der Wiese ins hohe Gras fallen ließen und nach Luft rangen, umgeben vom lauten Zirpen der Grashüpfer.